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Blume des Jahres 2027: Hamburger Stiftung kürt eine Schönheit ganz ohne Blütenblätter
Ihre Samen reisen mit dem Hochwasser: Die Gelbe Wiesenraute wirbt für Auen, Heimat eines Drittels der Arten Mitteleuropas.
Von Michael Beier ·
Sie hat keine Blütenblätter, bildet keinen Nektar und überlässt die Bestäubung zum größten Teil dem Wind. Ihr leuchtendes Gelb stammt allein von den zahlreichen Staubfäden und ihren Pollenbeuteln. Hunderte dieser Einzelblüten sitzen dicht an dicht in einer Rispe, einem verzweigten Blütenstand. Eine Diva ist die Gelbe Wiesenraute also nicht. 2027 steht sie trotzdem ein ganzes Jahr lang im Rampenlicht.
Die Hamburger Loki Schmidt Stiftung hat Thalictrum flavum zur Blume des Jahres 2027 gekürt. Verkündet wurde die Wahl am 22. Oktober an der Bunthäuser Spitze, dort, wo sich die Elbe in Norder- und Süderelbe teilt. Der Ort passt: Die Wiesenraute wächst in Flussauen, und genau für diese Landschaften will die Stiftung werben. Es ist die 48. Blume der Reihe, Vorgänger für 2026 war der Feldrittersporn.
Eine Pflanze, die mit dem Hochwasser reist Die Staude gehört zu den Hahnenfußgewächsen. Meist wird sie 50 bis 110 Zentimeter hoch, unter besten Bedingungen bis zu anderthalb Meter. Ihr Stängel ist gefurcht und kahl, die Blätter sind zwei- bis dreifach gefiedert, unter der Erde kriechen gelbe Wurzelstöcke. Von Juni bis August blüht sie.
Ihre Blütenblätter wirft sie schon kurz nach dem Aufblühen ab, übrig bleiben die Staubfäden. Schwebfliegen, Käfer und Wildbienen sammeln dort Pollen, obwohl der Wind die eigentliche Arbeit macht.
Ihr cleverster Trick steckt in den Früchten. Die kleinen, gerippten Nüsschen schwimmen. Winterhochwasser trägt die Samen davon, im Frühjahr keimen sie an frisch angeschwemmten Ufern. Zu Hause ist die Wiesenraute an Flussufern, auf Feuchtwiesen, in Auen und Niedermooren. Weil Flüsse begradigt, Auen trockengelegt und Überschwemmungsflächen bebaut wurden, steht sie inzwischen auf der Vorwarnliste der Roten Liste Deutschlands.
Ein Drittel der Arten Mitteleuropas lebt in Flussauen Die Blume ist als Botschafterin gedacht. „Die Gelbe Wiesenraute steht stellvertretend für ein gefährdetes Ökosystem“, sagt André Palm, der das Projekt Blume des Jahres bei der Stiftung leitet. „In den Flussauen leben auf engstem Raum etwa ein Drittel aller mitteleuropäischen Arten.“ Dazu kommen Leistungen, von denen auch Menschen profitieren.
Auen fangen Hochwasserspitzen ab, filtern Wasser und füllen das Grundwasser auf. In nassen Böden speichert Torf außerdem Kohlenstoff. Man müsse „Flüssen ihren natürlichen Lauf endlich wieder zugestehen“, fordert Palm.
45 Zentimeter weniger Hochwasser an der Elbe Dass das funktioniert, zeigt laut Stiftung ein Beispiel an der Elbe bei Lenzen. Dort wurde der Deich zurückverlegt. Seit dem Abschluss der Arbeiten 2011 sind 420 Hektar Aue wieder an den Fluss angebunden. Bei späteren Hochwassern lag der Scheitel um 45 Zentimeter niedriger, und auf der Fläche leben heute gefährdete Arten.
Die Stiftung besitzt und betreut selbst Auengebiete in Brandenburg, Niedersachsen und Hamburg. Dort hat sie Auwald gepflanzt, Entwässerungsgräben geschlossen und mäht die Wiesen schonend.
Die Aktion Blume des Jahres hat Loki Schmidt (1919 bis 2010) im Jahr 1980 ins Leben gerufen. Die Stiftung, die ihren Namen trägt, pflegt seit mehr als 40 Jahren Naturflächen und bietet jedes Jahr über 1.500 Veranstaltungen an.
Kalender, Samenkarte und ein Abstecher in den Auwald Zur neuen Jahresblume gibt es einen Fotokalender 2027 und eine Broschüre für je 4 Euro sowie eine Samenpostkarte für 3 Euro, jeweils zuzüglich einer Spende. Bestellen lässt sich per E-Mail an bestellung@loki-schmidt-stiftung.de oder telefonisch unter (040) 28 40 998 0. Alle Infos zur Pflanze stehen auf der Seite der Loki Schmidt Stiftung .
Wer eine Hamburger Aue live erleben will, findet nahe der Bunthäuser Spitze das Naturschutzgebiet Heuckenlock : fast 100 Hektar Tideauenwald, zweimal täglich von Süßwasser überflutet und einer der letzten seiner Art in Europa. Mit etwas Glück zeigen sich Störche oder Seeadler. Eine rund 16 Kilometer lange Rundwanderung über Heuckenlock zur Bunthäuser Spitze startet am S-Bahnhof Wilhelmsburg, den die Linien S3 und S5 anfahren.
Themen: Blume des Jahres, Gelbe Wiesenraute, Loki Schmidt Stiftung, Bunthäuser Spitze, Flussauen, Elbe, Heuckenlock, Naturschutz Hamburg
Blume des Jahres 2027: Hamburger Stiftung kürt eine Schönheit ganz ohne Blütenblätter