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Bis zu 100 Grad in drei Kilometern Tiefe: Thermalwasser könnte das Vogtland wärmen
Tief unter dem Vogtland kreist wohl bis zu 100 Grad heißes Wasser. Bis es Wärme liefert, ist es noch ein weiter Weg.
Von Andre ·
An der Neumühle südlich von Plauen ist dem Wasser der Winter egal: Das ganze Jahr über sprudelt es hier mit 25 Grad aus der Erde. In der ehemaligen Flussspat-Grube Schönbrunn hat das Wasser in 500 Metern Tiefe konstant 38 Grad. Dass es in dieser Gegend warmes Wasser gibt, ist also nichts Neues. Neu ist, wie genau sich nun abschätzen lässt, was darunter liegt.
Vier Jahre lang hat das Forschungsprojekt E4Geo den Untergrund im südwestlichen Vogtland durchleuchtet, geleitet vom Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Am 4. November wurden die Ergebnisse auf einer Fachveranstaltung in Plauen vorgestellt. Der Kern: Aus den Daten leiten die Fachleute ab, dass in rund drei Kilometern Tiefe Thermalwasser mit bis zu 100 Grad durch Klüfte im Gestein zirkuliert und ein hohes Nutzungspotenzial für die Region hat. Das Landesamt überschreibt seine Mitteilung mit „Im Vogtland liegt ein Schatz“. Gehoben ist er allerdings noch nicht: Vor Ort nachgewiesen ist das Reservoir bislang nicht, und ob und wie sich die Wärme nutzen lässt, ist offen.
In die Tiefe schauen mit Schallwellen und Schwerkraft Um so weit nach unten zu blicken, kombinierten die Fachleute mehrere Verfahren. Bei der Seismik laufen Schallwellen durch den Untergrund, Sensoren zeichnen das Echo auf. Im Granit zeigten sich so feine Risse und Bruchzonen, durch die Wasser strömen kann. Messungen der Schwerkraft verrieten etwas über die Dichte der Gesteine und damit über den Aufbau des Granits unter Schönbrunn. Hinzu kamen Analysen von Wasser und Gasen. Aus all dem entstand ein dreidimensionales Modell des Untergrunds. Beteiligt waren das Geoforschungszentrum Potsdam, das LIAG-Institut für Angewandte Geophysik in Hannover, die TU Bergakademie Freiberg und die Universität Jena.
Die Wasser- und Gasanalysen liefern auch das schönste Detail der Geschichte: Das Thermalwasser ist alter Regen. Es versickerte vor langer Zeit und blieb den Daten zufolge mindestens 15.000 Jahre im Untergrund, wo es sich auf höchstens 100 Grad erwärmte.
Warum das für die Region interessant ist Erdwärme gewinnt neben Sonne und Wind an Bedeutung, lässt sich aber nicht überall anzapfen. Umso wertvoller sind Orte, an denen die Voraussetzungen gut aussehen. Hinweise auf besonders warmen Untergrund in der Region gibt es seit Jahrzehnten, die Versuche, ihn zur Energiegewinnung zu nutzen, blieben bisher begrenzt. Tiefengeothermie, die zwei bis fünf Kilometer in den Untergrund reichen kann, ist in Deutschland ohnehin noch eine überschaubare Sache: 2023 waren 42 solcher Anlagen in Betrieb.
Wie groß die Chance sein könnte, lässt eine Zahl ahnen, die der vogtländische Landrat Thomas Hennig 2023 nannte: Rund 80.000 der damals 223.000 Einwohner des Kreises könnten versorgt werden, die Umsetzung erhoffte er in fünf bis zehn Jahren. Das ist allerdings keine Zahl aus den neuen Ergebnissen, sondern eine ältere politische Erwartung. Daneben gibt es eine zweite Option: Auch das Grubenwasser in Schönbrunn, 500 bis 600 Meter tief, könnte als Wärmequelle dienen, wenn auch mit niedrigeren Temperaturen.
Was jetzt noch fehlt Die Ergebnisse sind eine Grundlage, keine Entscheidung. Durchlässigkeit des Gesteins, Förderrate und Wirtschaftlichkeit sind nicht direkt nachgewiesen, und wie viel Wasser sich überhaupt entnehmen lässt, müssen weitere Untersuchungen klären. Die Projektpartner empfehlen drei nächste Schritte: eine Machbarkeitsstudie, eine Analyse, wer im Vogtland wie viel Wärme bräuchte, und schließlich eine Tiefbohrung, die das Thermalwasser erschließt und fördert.
Gerade die Bohrung ist kein Kleingeld. Der Potsdamer Geoforscher Horst Kämpf bezifferte die Kosten 2023 auf etwa 1,5 Millionen Euro je 1.000 Meter. Das größte Risiko sei dabei, das Wasser am Ende gar nicht zu treffen. Hinzu kommt der Schutz dessen, was die Region schon hat: Natur, Grundwasser und die Mineral- und Heilquellen des Vogtlands haben laut Landesamt höchste Priorität.
Ein warmes Wohnzimmer ist also noch nicht in Sicht. Aber es liegt nun ein Modell auf dem Tisch, mit dem sich gezielt weiterarbeiten lässt. Das ist für einen Schatz, der mindestens 15.000 Jahre Zeit hatte, kein schlechter Anfang.
Themen: Geothermie, Vogtland, Thermalwasser, Sachsen, Plauen, Erdwärme, Energiewende, Forschung
Bis zu 100 Grad in drei Kilometern Tiefe: Thermalwasser könnte das Vogtland wärmen