Gesundheit | Ernährung | Medizin
Biologisches Alter senken: Was wirklich hilft
Manche Menschen wirken mit 70 erstaunlich kraftvoll, während andere sich schon deutlich früher eingerostet fühlen. Das liegt nicht nur an den Jahren im Personalausweis – denn unser Körper besitzt gewissermaßen eine zweite Uhr. Und die lässt sich zumindest ein wenig beeinflussen.
Von Madalina ·
Wie alt ist unser Körper wirklich? Da steht man morgens vor dem Spiegel, entdeckt ein neues graues Haar und denkt: „Aha, offenbar wurde über Nacht ein Update installiert.“ Gleichzeitig gibt es Tage, an denen wir uns federleicht fühlen – und andere, an denen schon das Aufstehen vom Sofa nach einem kleinen Betriebsausflug klingt.
Unser Geburtsdatum kennt dabei nur eine Richtung. Jedes Jahr kommt zuverlässig eines hinzu, ganz ohne Antrag und Widerrufsrecht. Doch Forschende unterscheiden zunehmend zwischen dem chronologischen Alter und dem sogenannten biologischen Alter .
Das eine zählt Geburtstage. Das andere versucht abzuschätzen, wie stark unser Körper bereits gealtert ist.
Zwei Menschen, ein Geburtstag – zwei verschiedene Körper Menschen gleichen Alters können körperlich sehr unterschiedlich leistungsfähig sein. Blutdruck, Stoffwechsel, Muskelkraft, Ausdauer, Entzündungsprozesse und andere Merkmale entwickeln sich schließlich nicht bei allen im selben Tempo.
Um solche Unterschiede messbar zu machen, arbeiten Forschende unter anderem mit Blutwerten, Organfunktionen und sogenannten epigenetischen Uhren. Diese untersuchen chemische Markierungen an der DNA. Bestimmte Muster verändern sich im Laufe des Lebens so regelmäßig, dass sich daraus statistisch ein Alter oder eine Alterungsgeschwindigkeit schätzen lässt.
Das klingt ein wenig, als könne ein Labor dem Körper heimlich in den Reisepass schauen. Ganz so eindeutig ist es jedoch nicht: Verschiedene Uhren können bei derselben Person zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Außerdem ist noch nicht abschließend geklärt, ob eine Veränderung des Messwertes immer bedeutet, dass ein Mensch tatsächlich länger oder gesünder lebt. Für persönliche Diagnosen sind viele dieser Tests daher nur eingeschränkt geeignet.
Die gute Nachricht bleibt trotzdem: Viele Faktoren, die mit gesundem Altern verbunden sind, liegen zumindest teilweise in unserem Alltag.
Erster Hebel: Bewegung ist Wartung von innen Bewegung trainiert nicht nur Muskeln. Sie fordert Herz, Lunge, Blutgefäße, Knochen, Gehirn und Stoffwechsel gleichzeitig – eine Art Ganzkörperwartung, nur ohne Termin in der Werkstatt.
Dabei ergänzen sich Ausdauer- und Krafttraining. Zügiges Gehen, Radfahren oder Schwimmen stärken das Herz-Kreislauf-System. Kraftübungen helfen, Muskelmasse und körperliche Selbstständigkeit zu erhalten. Gerade im Alter entscheidet Muskulatur häufig darüber, ob Treppen, Einkaufstaschen und das berühmte Marmeladenglas Gegner bleiben oder Alltagssachen sind.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen wöchentlich 150 bis 300 Minuten moderate Ausdauerbewegung sowie Muskeltraining an mindestens zwei Tagen. Dabei zählt nicht nur Sport: Auch Spaziergänge, Gartenarbeit und Wege mit dem Fahrrad bringen den Körper aus seiner Lieblingsdisziplin – dem Sitzen.
Zweiter Hebel: Essen, das den Körper versorgt Beim gesunden Altern geht es nicht um ein einzelnes Superfood, das morgens über das Müsli gestreut wird und anschließend heldenhaft sämtliche Zellen verjüngt. Entscheidend ist das gesamte Ernährungsmuster.
Eine pflanzenbetonte Kost mit Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und überwiegend ungesättigten Fetten liefert Ballaststoffe und zahlreiche Nährstoffe. Ausreichend Eiweiß unterstützt außerdem den Erhalt der Muskulatur.
Auch die Energiemenge spielt offenbar eine Rolle. In der randomisierten CALERIE-Studie verlangsamte eine zweijährige moderate Kalorienreduktion bei gesunden Erwachsenen einen von mehreren untersuchten epigenetischen Alterungswerten. Andere Uhren reagierten allerdings kaum. Das Ergebnis ist deshalb kein Aufruf zum Hungern, sondern ein vorsichtiger Hinweis darauf, dass dauerhaftes Überessen ungünstiger sein könnte als eine bedarfsgerechte Ernährung.
Dritter Hebel: Regeneration gehört zum Programm Wer gesund altern möchte, denkt oft zuerst an Turnschuhe und Brokkoli. Dabei geschieht ein wichtiger Teil der körperlichen Wartung, während wir scheinbar gar nichts tun.
Schlaf, Erholung und der Umgang mit dauerhaftem Stress beeinflussen Stoffwechsel, Immunsystem und die Fähigkeit des Körpers, sich zu regenerieren. Eine einzelne schlechte Nacht macht niemanden plötzlich biologisch fünf Jahre älter. Chronisch zu wenig oder dauerhaft schlechter Schlaf ist jedoch mit zahlreichen gesundheitlichen Belastungen verbunden.
Hilfreich sind häufig erstaunlich unspektakuläre Dinge: möglichst regelmäßige Schlafzeiten, Tageslicht, Bewegung, Pausen und soziale Kontakte. Kein futuristisches Biohacking – eher biologische Bodenpflege.
Keine Wunderpille, sondern viele kleine Stimmen Eine 2025 veröffentlichte Auswertung der großen DO-HEALTH-Studie untersuchte bei 777 älteren Erwachsenen Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D und ein Bewegungsprogramm. Die Effekte auf bestimmte epigenetische Uhren waren klein und nicht bei allen Messverfahren gleich. Die Kombination zeigte teilweise zusätzliche Vorteile. Das ist interessant, aber kein Beleg dafür, dass Nahrungsergänzungsmittel die Lebensuhr spektakulär zurückdrehen. Vitamin D sollte insbesondere nicht ohne Anlass hoch dosiert werden.
Die Wissenschaft liefert also weniger einen geheimen Verjüngungscode als eine beruhigend bodenständige Botschaft: Der Körper hört mit. Auf jeden Spaziergang, jede Kraftübung, jedes ausgewogene Essen und jede Nacht, in der er ausreichend Ruhe bekommt.
Das Geburtsjahr bleibt zwar unverhandelbar. Doch wie wir uns durch unsere Jahre bewegen, ist nicht vollständig festgeschrieben. Vielleicht ist gesundes Altern deshalb kein Wettlauf gegen die Uhr – sondern eine freundliche Verabredung mit dem eigenen Körper.