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Arbeit lohnt sich: Mindestlohn bringt Singles rund 623 Euro mehr als Grundsicherung
Eine neue WSI-Studie rechnet nach: Vollzeit zum Mindestlohn bringt überall in Deutschland spürbar mehr Geld – für Singles wie für Familien.
Von Max ·
„Lohnt sich Arbeit überhaupt noch?“ – kaum eine Frage wird in Talkshows, an Stammtischen und in Kommentarspalten so hitzig diskutiert. Eine neue Modellrechnung liefert dazu nun handfeste Zahlen. Das Ergebnis: Wer in Vollzeit zum gesetzlichen Mindestlohn arbeitet, hat in jeder Region Deutschlands und in allen untersuchten Haushaltstypen mehr Geld zur Verfügung als vergleichbare Haushalte, die von Grundsicherung leben.
Vorgestellt hat die Untersuchung am 27. Oktober 2026 in Düsseldorf das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Die Stiftung steht den Gewerkschaften nahe – ein Hintergrund, den man bei einem politisch so umkämpften Thema kennen sollte. Verfasst haben den „WSI Policy Brief Nr. 104“ mit dem Titel „Lohnt sich Arbeit in Deutschland auch 2026 noch?“ die Forscher Eric Seils und Helge Emmler.
Rund 623 Euro Vorsprung im Monat Für eine alleinstehende Person, die Vollzeit zum Mindestlohn arbeitet, ergibt sich laut Studie im Bundesdurchschnitt ein Einkommensvorteil von rund 623 Euro im Monat gegenüber dem Grundsicherungsbezug. Im Osten einschließlich Berlin liegt der Abstand mit rund 664 Euro etwas höher als im Westen mit rund 609 Euro.
So kommt die Zahl zustande: Der Mindestlohn liegt seit dem 1. Januar 2026 bei 13,90 Euro brutto pro Stunde. Bei einer Wochenarbeitszeit von 38,19 Stunden – der durchschnittlichen betriebsüblichen Vollzeit – ergibt das laut WSI rund 2.300 Euro brutto. Nach Steuern und Sozialabgaben bleiben rund 1.653 Euro. Dem stellen die Forscher die Grundsicherung gegenüber: den Regelsatz von 563 Euro plus die durchschnittlich anerkannten Wohnkosten von gut 467 Euro, zusammen rund 1.030 Euro. Zieht man vom Vorsprung noch den Rundfunkbeitrag von 18,36 Euro ab, bleiben laut WSI rund 604 Euro.
Mit Kindern wächst der Abstand Noch deutlicher fällt der Unterschied bei Familien aus. Eine alleinerziehende Person mit einem fünfjährigen Kind hat bei Vollzeitarbeit zum Mindestlohn im Schnitt rund 757 Euro mehr im Monat als in der Grundsicherung. Bei einem verheirateten Paar mit zwei Kindern (fünf und 14 Jahre), in dem ein Elternteil Vollzeit zum Mindestlohn arbeitet, sind es rund 749 Euro.
Ein wichtiger Grund dafür: Erwerbstätige Familien mit kleinem Einkommen können ergänzende Leistungen wie Kinderzuschlag, Wohngeld und – bei Alleinerziehenden – Unterhaltsvorschuss bekommen. Diese Leistungen sollen verhindern, dass Menschen trotz Arbeit auf Grundsicherung angewiesen sind; die Studie rechnet sie mit ein. Laut WSI wächst der Lohnabstand mit der Zahl der Kinder.
Gegenüber 2025 ist der Vorsprung im Schnitt sogar leicht gewachsen. Der Grund: Der Mindestlohn ist 2026 gestiegen, die Regelsätze der Grundsicherung dagegen nicht.
Wo der Abstand am größten ist – und wo am kleinsten Das WSI hat die Werte für alle 401 Landkreise und kreisfreien Städte berechnet und auf einer interaktiven Karte veröffentlicht. Den größten Vorsprung für Alleinstehende gibt es demnach in Nordhausen (rund 755 Euro), im Vogtlandkreis (rund 749 Euro) und in Gera (rund 745 Euro).
Am kleinsten ist er dort, wo das Wohnen teuer ist: im Landkreis München (rund 404 Euro), in der Stadt München (rund 466 Euro) und im Landkreis Dachau (rund 468 Euro). Auch in Frankfurt, Hamburg, Köln und Stuttgart liegt der Abstand mit rund 515 bis 524 Euro unter dem Bundesschnitt. Doch selbst dort gilt: Arbeit bringt mehr als Grundsicherung. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI, sieht in den hohen Mieten den Hauptgrund für die geringeren Abstände. Hier bestehe „dringender politischer Handlungsbedarf“, sagt sie.
Was die Rechnung nicht zeigt Wie jede Modellrechnung hat auch diese ihre Grenzen. Sie betrachtet nur drei typische Haushalte und arbeitet mit Durchschnittswerten – im Einzelfall kann das Ergebnis anders aussehen. Fahrtkosten zur Arbeit sind nicht berücksichtigt, weil es dazu keine systematischen Daten gibt. Studienautor Eric Seils hält sie für eher gering, da Mindestlohnjobs selten weite Pendelwege erfordern.
Einen weiteren Einwand greift das WSI selbst auf: Erwerbstätige müssen ihre Miete aus dem eigenen Einkommen zahlen. Kohlrausch hält dagegen, dass man die Wohnkosten dann auf beiden Seiten abziehen müsse – einem alleinstehenden Menschen in der Grundsicherung bliebe dann nur der Regelsatz von 563 Euro. Zudem ist Vollzeitarbeit zum Mindestlohn eher die Ausnahme – „die meisten Vollzeitbeschäftigten verdienen zum Glück deutlich mehr“, sagt Kohlrausch.
Und ein Blick nach vorn: Die von der Bundesregierung angekündigten Einschnitte bei Wohngeld und Unterhaltsvorschuss würden den Abstand laut Kohlrausch vor allem bei Familien tendenziell verringern.
Ein Stück Sachlichkeit für eine hitzige Debatte Unterm Strich liefert die Studie eine Botschaft, die viele Beschäftigte freuen dürfte: Wer arbeitet, hat am Monatsende spürbar mehr im Portemonnaie – vom Vogtland bis an den Stadtrand von München. Statt Geringverdienende und Menschen in der Grundsicherung gegeneinander auszuspielen, plädiert Kohlrausch dafür, „soziale Infrastrukturen zu stärken“. Wer selbst nachsehen möchte, wie die Lage im eigenen Landkreis aussieht, findet die Werte auf der interaktiven Karte des WSI.
Themen: Mindestlohn, Grundsicherung, WSI Studie, Arbeit lohnt sich, Einkommen, Finanzielle Vorteile, Sozialleistungen
Arbeit lohnt sich: Mindestlohn bringt Singles rund 623 Euro mehr als Grundsicherung