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Alle Straßen führten nach Rom? Neue Studie räumt mit dem berühmten Römer-Mythos auf
Fast 300.000 Kilometer römische Straßen zeigen: Rom war wichtig – aber nicht das Zentrum des Landverkehrs im Reich.
Von Max ·
Alle Straßen führten nach Rom? Das römische Straßennetz war überraschend anders „Alle Wege führen nach Rom“ gehört zu den bekanntesten Sprichwörtern überhaupt. Das Bild dahinter scheint perfekt: Im Zentrum die mächtige Hauptstadt, von der sich Straßen wie Speichen eines Rades bis in die entferntesten Winkel des Imperiums ziehen.
Nur: So sah das römische Verkehrsnetz offenbar gar nicht aus.
Eine internationale Forschungsgruppe hat nahezu 300.000 Kilometer römischer Straßen digital ausgewertet – von Britannien über Nordafrika bis in den Nahen Osten. Das Ergebnis zeichnet ein überraschend modernes Bild: Statt eines einzigen gigantischen Netzes mit Rom als Mittelpunkt bestand das Imperium aus zahlreichen regionalen Verkehrsknoten. Für Reisen über Land waren einige Städte sogar günstiger gelegen als die Hauptstadt selbst.
Rom war wichtig – aber nicht der wichtigste Verkehrsknoten Für ihre Analyse verwandelten die Forschenden das antike Straßensystem gewissermaßen in eine riesige digitale Verkehrskarte. Sie untersuchten unter anderem, über welche Wege besonders viele möglichst schnelle Verbindungen führten und welche Städte dadurch eine Schlüsselposition einnahmen.
Dabei landete Rom keineswegs automatisch an der Spitze.
Städte wie Antiochia, Ancyra – das heutige Ankara –, Byzantium und Korinth waren für den überregionalen Landverkehr teilweise günstiger positioniert. Besonders Byzantium, das spätere Konstantinopel und heutige Istanbul, nahm eine strategisch außergewöhnliche Lage ein: Dort trafen die europäischen und asiatischen Teile des Netzes aufeinander.
Auch innerhalb der Provinzen zeigt sich ein erstaunlich ausgeklügeltes System. Von 45 untersuchten Provinzhauptstädten lagen 24 bei der Bedeutung für den reichsweiten Landverkehr in den beiden höchsten Kategorien. Hauptstraßen besetzten ebenfalls besonders häufig strategisch wichtige Positionen. Das spricht für ein Verkehrsnetz, das weit mehr war als eine lose Sammlung einzelner Wege.
Die Römer bauten nicht einfach schnurgeradeaus Noch ein zweites Klischee bekommt Risse: Römerstraßen gelten bis heute als Inbegriff schnurgerader Ingenieurskunst.
Tatsächlich bevorzugten die Baumeister möglichst direkte Routen – allerdings nur dort, wo Landschaft und Technik es sinnvoll zuließen. Berge, Täler, Flüsse und natürliche Korridore bestimmten den Verlauf vieler Straßen stärker als bislang angenommen.
Die ausgewerteten römischen Straßen waren im Durchschnitt sogar etwas weniger gerade als heutige Hauptstraßen. Trotzdem bewältigten römische Ingenieure schwieriges Gelände mit Brücken, Stützmauern, Felsschnitten und Terrassen. Die meisten Strecken blieben dabei unter einer Steigung von etwa 16 Prozent – wichtig für Wagen und Zugtiere.
Das macht ihre Leistung eigentlich noch beeindruckender: Statt Landschaften mit heutigen Maschinen radikal umzuformen, mussten die Planer Wege finden, die mit der vorhandenen Topografie funktionierten.
2.000 Jahre später fahren wir teilweise noch auf ihren Spuren Besonders faszinierend ist, wie langlebig manche Entscheidungen der römischen Straßenplaner waren.
Die Forschenden fanden einen messbaren Zusammenhang zwischen der Lage antiker Straßen und heutigen großen Verkehrsachsen. Dieser Zusammenhang ist regional sehr unterschiedlich und bedeutet nicht, dass moderne Autobahnen einfach auf römischem Pflaster liegen. Doch Täler, Flussübergänge, Gebirgspässe und günstig gelegene Städte sind oft noch immer dieselben natürlichen Verkehrskorridore wie vor zwei Jahrtausenden.
Damit haben die Römer etwas hinterlassen, das weit über erhaltene Pflastersteine und Brücken hinausgeht: Entscheidungen über Verkehrswege können Landschaften und Städte über Jahrhunderte prägen.
Und was ist nun mit dem berühmten Sprichwort? Ganz falsch ist die Vorstellung von Rom als Mittelpunkt trotzdem nicht. Augustus ließ um 20 v. Chr. auf dem Forum Romanum den sogenannten Milliarium Aureum , den „Goldenen Meilenstein“, errichten. Er symbolisierte die Bedeutung Roms innerhalb des Straßensystems. Tatsächliche Entfernungen der italienischen Fernstraßen wurden jedoch häufig von den Stadttoren aus gemessen und nicht von diesem Monument.
Auch das bekannte Sprichwort selbst stammt offenbar nicht aus der römischen Antike. Eine frühe belegte Form findet sich erst im Mittelalter beim französischen Gelehrten Alain de Lille um 1175.
Die neue Forschung macht die Geschichte deshalb nicht weniger beeindruckend – sondern interessanter: Das Römische Reich funktionierte verkehrstechnisch offenbar weniger wie ein Rad mit Rom in der Mitte und mehr wie ein gewaltiges Netzwerk aus regionalen Zentren.
Für ein Reich, das sich über drei Kontinente erstreckte, war genau das vermutlich seine eigentliche Stärke.
Alle Straßen führten nach Rom? Neue Studie räumt mit dem berühmten Römer-Mythos auf