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Affen und andere Tiere: Warum sie Nähe suchen
Ein Hund bekommt Fellpflege vom Affen, ein Riesenhörnchen wird sanft gestreichelt – und manchmal wird ein fremdes Jungtier sogar Teil einer Affengruppe. Eine große Studie zeigt: Freundliche Begegnungen über Artgrenzen hinweg sind erstaunlich vielfältig.
Von Madalina ·
Wenn Affen Hunde kraulen und Riesenhörnchen streicheln Manchmal braucht es erstaunlich wenig, damit zwei völlig unterschiedliche Wesen miteinander auskommen. Wer schon einmal gesehen hat, wie ein Hund vorsichtig an einer Katze schnuppert, die eigentlich gar nichts von Hunden hält, kennt diesen Moment: Erst wird skeptisch geschaut – und wenig später liegt man erstaunlich friedlich nebeneinander.
Offenbar ist diese Bereitschaft, soziale Grenzen zu überschreiten, nicht allein eine Spezialität unserer Haustiere. Eine neue internationale Untersuchung zeigt, dass auch Affen erstaunlich häufig freundlichen Kontakt zu anderen Tierarten aufnehmen. Sie spielen, putzen Fell, berühren, tragen und dulden Tiere, mit denen sie evolutionär manchmal nur wenig verbindet.
Vom Hund bis zum Riesenhörnchen Das Forschungsteam um den Evolutionsanthropologen Cyril Grueter von der University of Oxford trug 427 dokumentierte Fälle zusammen. Sie betreffen 88 Primatenarten und 127 andere Tierarten beziehungsweise Primatenarten. Dafür werteten die Forschenden wissenschaftliche Literatur, eine internationale Befragung von Primatologen und sorgfältig geprüfte Bild- und Videobeobachtungen aus.
Dabei entstand ein kleines Kuriositätenkabinett tierischer Begegnungen.
In Thailand wurden Stummelschwanzmakaken beobachtet, die einen Haushund putzten. Im Yala-Nationalpark auf Sri Lanka strich ein Südlicher Hanuman-Langur einem Riesenhörnchen durchs Fell. Junge Schwarzweiße Stumpfnasenaffen spielten in China mit Hausschweinen. Japanmakaken auf Yakushima wiederum interagierten wiederholt mit Sikahirschen.
Am häufigsten tauchten zwei Verhaltensweisen auf: Spielen wurde 139-mal und Fellpflege beziehungsweise Grooming 136-mal dokumentiert. Junge Primaten spielten besonders häufig mit anderen Arten, während erwachsene Weibchen vergleichsweise oft fürsorgliche oder freundliche Kontakte zeigten.
Noch bemerkenswerter: Wo sich feststellen ließ, wer die Begegnung begonnen hatte, ging die Initiative meist vom Primaten aus. Von 219 entsprechend dokumentierten Fällen wurden 144 – rund zwei Drittel – durch den Affen oder Menschenaffen gestartet.
Adoptieren Affen tatsächlich andere Tiere? Hier lohnt sich eine kleine Bremse für unsere Begeisterung. Ein Affe, der einen Hund krault, hat noch kein Haustier. Und ein Tier zu tragen bedeutet nicht automatisch, dass es adoptiert wurde.
Die Forschenden selbst formulieren deshalb vorsichtig. Die meisten beobachteten Kontakte sind kurzlebiger als unsere Beziehungen zu Haustieren. Sie sprechen eher dafür, dass Eigenschaften wie Neugier, soziale Toleranz, Spielfreude und Fürsorge auch über Artgrenzen hinweg funktionieren können .
Es gibt allerdings außergewöhnliche Fälle, die einer echten Adoption erstaunlich nahekommen.
2006 berichteten Forschende von einem jungen Weißbüschelaffen in Brasilien, der sich einer Gruppe wilder Kapuzineraffen anschloss. Zwei Weibchen übernahmen nacheinander eine Art Mutterrolle. Das Jungtier blieb mindestens zehn Monate bei der Gruppe, wurde getragen, toleriert und sozial integriert.
Doch gerade hier zeigt sich, warum Tierverhalten nicht vorschnell vermenschlicht werden sollte. Auf einer Insel vor Panama beobachteten Forschende 2025 junge männliche Kapuzineraffen, die Brüllaffenbabys mit sich herumtrugen. Anfangs sah das wie Adoption aus. Tatsächlich waren die Jungtiere offenbar ihren Familien weggenommen worden; mehrere starben, weil die Affen ihnen keine notwendige Milch geben konnten.
Vielleicht ist unsere Tierliebe älter als gedacht Warum Affen überhaupt Nähe zu anderen Arten suchen, lässt sich bislang nicht mit einer einzigen Theorie erklären. Gemeinsames Spielen kann Neugier befriedigen, Fellpflege soziale Mechanismen nutzen, die Affen ohnehin besitzen. Bei manchen Begegnungen könnten Nähe, Nahrung oder Sicherheit eine Rolle spielen. Und fürsorgliches Verhalten könnte mit bereits vorhandenen Mechanismen der Jungenpflege zusammenhängen.
Besonders spannend ist deshalb eine größere Frage: Könnten solche Verhaltensweisen evolutionäre Bausteine jener Fähigkeit sein, die uns Menschen später Hunde, Katzen und andere Tiere nicht nur als nützlich, sondern als Gefährten betrachten ließ?
Bewiesen ist das nicht. Die Forschenden betonen selbst, dass ihre Untersuchung keine Häufigkeitsmessung darstellt und besonders auffällige Begegnungen wahrscheinlich eher dokumentiert werden als unspektakuläre.
Doch die Studie verschiebt unseren Blick ein wenig. Zwischen „eigene Art“ und „fremde Art“ scheint im Sozialleben mancher Primaten keine vollständig geschlossene Tür zu stehen.
Manchmal reicht offenbar ein neugieriger Blick, ein gemeinsames Spiel – oder eine ziemlich unerwartete Fellpflege.
Und plötzlich sitzt da ein Affe neben einem Hund und kümmert sich um dessen Frisur.