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Adipositas und Rheuma: Wie starker Gewichtsverlust Entzündungszellen zurückdrängen kann
Leipziger Forschende zeigen: Nach starkem Gewichtsverlust normalisieren sich entzündliche Immunzellen weitgehend.
Von Denise ·
Adipositas und Rheuma: Wie starker Gewichtsverlust Entzündungszellen zurückdrängen kann Fettgewebe speichert nicht nur Energie – es kommuniziert mit unserem Immunsystem. Eine Leipziger Studie zeigt nun, dass sich bestimmte entzündliche Veränderungen bei schwerer Adipositas nach einer starken Gewichtsabnahme erstaunlich deutlich zurückbilden können. Das könnte auch für die Rheumaforschung interessant werden.
Wer Körperfett ausschließlich als stillen Energiespeicher betrachtet, unterschätzt seine biologische Betriebsamkeit erheblich. Fettgewebe produziert Botenstoffe, beeinflusst den Stoffwechsel und steht in engem Austausch mit dem Immunsystem.
Bei ausgeprägter Adipositas kann dieses Zusammenspiel aus dem Gleichgewicht geraten. Im Körper entsteht eine niedriggradige, chronische Entzündungsaktivität – häufig als „Metaflammation“ bezeichnet. Sie gilt als ein möglicher Mitspieler bei verschiedenen Folgeerkrankungen.
Forschende aus Leipzig haben nun genauer untersucht, was dabei mit bestimmten Immunzellen passiert. Ihr Ergebnis macht vorsichtig optimistisch: Einige der auffälligen Veränderungen scheinen keineswegs dauerhaft zu sein.
Wenn das Immunsystem auf Dauerentzündung schaltet Im Mittelpunkt stehen sogenannte Monozyten. Diese weißen Blutkörperchen gehören zur angeborenen Immunabwehr und patrouillieren gewissermaßen durch den Blutkreislauf. Gelangen sie in Gewebe, können sie sich unter anderem zu Makrophagen weiterentwickeln – Immunzellen, die Entzündungsprozesse maßgeblich beeinflussen.
Monozyt ist dabei nicht gleich Monozyt. Forschende unterscheiden verschiedene Untergruppen. Besonders interessant sind sogenannte intermediäre Monozyten, die vergleichsweise entzündungsfördernd wirken können.
Genau diese Zellpopulationen sind auch aus der Rheumatologie bekannt. Bei rheumatoider Arthritis können bestimmte Monozyten-Untergruppen vermehrt auftreten und über weitere Immunzellen und Botenstoffe zur Entzündungsreaktion beitragen.
Spannend ist deshalb eine bereits früher gemachte Beobachtung: Auch bei Menschen mit Adipositas verschiebt sich das Gleichgewicht verschiedener Monozyten in Richtung entzündungsfördernder Zelltypen.
Die Frage der Leipziger Forschenden lautete deshalb: Bleibt diese Veränderung bestehen – oder kann das Immunsystem wieder zurückschalten?
111 Menschen und durchschnittlich rund 45 Kilogramm weniger Für die Untersuchung begleiteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 111 Menschen mit ausgeprägter Adipositas, die sich einer bariatrischen Operation unterzogen.
Der mittlere BMI lag zu Beginn bei rund 48. Untersucht wurden Patientinnen und Patienten nach unterschiedlichen etablierten Eingriffen wie Schlauchmagen sowie verschiedenen Formen des Magenbypasses.
Vor der Operation sowie nach sechs und zwölf Monaten analysierte das Team Blutproben und untersuchte die verschiedenen Monozyten-Untergruppen.
Das Ausmaß der Gewichtsveränderung war beträchtlich: Nach zwölf Monaten lag der mediane Gewichtsverlust bei rund 44,5 Kilogramm .
Und offenbar verlor nicht nur die Waage deutlich an Gewicht.
Auch im Immunsystem tat sich etwas.
Entzündungsfördernde Immunzellen gingen deutlich zurück Innerhalb eines Jahres sank die Zahl der Monozyten insgesamt signifikant. Auch mehrere Untergruppen, darunter klassische, nichtklassische und besonders interessante intermediäre Monozyten, nahmen ab.
Gleichzeitig veränderten sich Oberflächenmarker der Zellen. Die Expression von CD16 – einem Marker, der mit bestimmten entzündlich aktiven Monozyten verbunden ist – ging zurück.
Parallel verbesserten sich mehrere Stoffwechsel- und Entzündungswerte. Unter anderem sank das C-reaktive Protein, kurz CRP, das häufig als Laborwert für Entzündungsaktivität verwendet wird. Auch Langzeitblutzucker und verschiedene Stoffwechselparameter entwickelten sich günstig.
Die Forscher kommen deshalb zu einem bemerkenswerten Schluss: Die für Adipositas typische Verschiebung im Monozyten-System war nach bariatrischer Operation und starkem Gewichtsverlust weitgehend reversibel .
Anders gesagt: Das Immunsystem scheint nicht zwangsläufig dauerhaft auf seinem entzündlicheren Zustand sitzenzubleiben.
Was hat das mit Rheuma zu tun? Genau hier wird die Untersuchung für die Rheumatologie interessant.
Bei rheumatoider Arthritis spielen fehlgeleitete Entzündungsreaktionen eine zentrale Rolle. Bestimmte Monozyten-Untergruppen sowie sogenannte Th17-Zellen sind dabei Teil eines komplexen Netzwerks aus Immunzellen und entzündlichen Botenstoffen.
Die Überschneidung bedeutet allerdings nicht, dass Adipositas und rheumatoide Arthritis dieselbe Erkrankung wären. Ebenso wenig zeigt die Leipziger Studie, dass Abnehmen Rheuma heilen könnte.
Sie liefert vielmehr einen weiteren Hinweis darauf, dass Stoffwechsel und Immunsystem enger miteinander verbunden sind, als lange angenommen wurde.
Das passt zu epidemiologischen Untersuchungen: Menschen mit Adipositas haben statistisch ein etwas höheres Risiko, eine rheumatoide Arthritis zu entwickeln. Bei bereits bestehender Erkrankung kann ein höheres Körpergewicht zudem mit ungünstigeren Behandlungsergebnissen verbunden sein.
Damit rückt Gewichtsmanagement zunehmend nicht nur als Thema für Herz, Kreislauf und Diabetes in den Blick, sondern auch als möglicher Bestandteil einer umfassenden rheumatologischen Versorgung.
Eine gute Nachricht – mit wichtigem Kleingedruckten So interessant die Ergebnisse sind: Sie liefern noch keine allgemeine Anleitung nach dem Motto „weniger Gewicht gleich normales Immunsystem“.
Die untersuchten Menschen hatten eine sehr ausgeprägte Adipositas und verloren infolge einer Operation erheblich an Gewicht. Noch ist unklar, wie groß eine Gewichtsabnahme sein müsste, damit vergleichbare Veränderungen auftreten.
Auch lässt sich aus dieser Studie nicht eindeutig trennen, welcher Anteil der Effekte durch den eigentlichen Gewichtsverlust und welcher durch weitere Folgen der bariatrischen Operation verursacht wurde.
Eine niederländische Untersuchung mit einem eineinhalbjährigen Lebensstilprogramm fand beispielsweise zwar Veränderungen bei Aktivierungsmerkmalen der Monozyten, aber keine vergleichbar deutliche Normalisierung ihrer Verteilung.
Der Körper scheint also etwas komplizierter zu funktionieren als ein Lichtschalter. Überraschend wäre alles andere.
Auch Abnehmmedikamente könnten interessant werden Eine besonders spannende offene Frage betrifft moderne Medikamente gegen Adipositas. Ob größere Gewichtsverluste mithilfe von GLP-1-basierten Therapien ähnliche Veränderungen im Immunsystem hervorrufen können wie nach bariatrischer Chirurgie, ist bislang nicht ausreichend geklärt.
Die Leipziger Forschenden wollen zugleich noch einen anderen Weg untersuchen: Kann man die chronische Entzündungsreaktion bei Adipositas direkt beeinflussen und dadurch möglicherweise auch Stoffwechselprobleme verbessern?
Geplant ist dazu eine randomisierte, placebokontrollierte Studie mit rund 200 Menschen mit Adipositas und Insulinresistenz – teilweise mit rheumatoider Arthritis. Untersucht werden sollen entzündungshemmende Wirkstoffe wie Colchicin beziehungsweise eine Blockade des Entzündungsbotenstoffs Interleukin-1.
Sollten sich solche Ansätze bewähren, könnten Stoffwechselmedizin und Rheumatologie künftig noch enger zusammenrücken.
Adipositas und Rheuma: Wie starker Gewichtsverlust Entzündungszellen zurückdrängen kann