Hamburg · Hamburger Geschichte
Abschied am Blankeneser Bull'n: Wie eine Familie 1955 der „Santa Teresa“ nachwinkte
Oktober 1955 in Blankenese: Lotti Benz und ihre Töchter winken am Bull'n dem Großvater auf der „Santa Teresa“ nach – mit „Butterleckern“ im Haar.
Von Michael Beier ·
Manche Hamburger Geschichten passen in einen einzigen Augenblick. Dieser spielt an einem sonnigen Morgen im Oktober 1955 am Bull'n, dem Anleger am Blankeneser Elbufer. Das Elbvororte-Magazin Klönschnack hat die Szene jetzt wieder erzählt: Die Blankeneserin Lotti Benz eilt mit ihren Töchtern Eva-Maria und Susanne ans Wasser, um dem Großvater der Mädchen zu winken. Er bricht mit der „Santa Teresa“ der Reederei Hamburg Süd nach Gdingen auf.
Schleifen mit besonderem Namen Ein Detail sorgt bis heute für ein Schmunzeln: Die beiden Mädchen tragen große Haarschleifen. Solche Schleifen nannte man damals „Butterlecker“, auf Platt „Botterlicker“. Das Wort konnte im Norden auch einen Schmetterling oder Gemüse mit reichlich Butter bezeichnen. Eva-Maria und Susanne fanden Schleifen und Namen „doof“, wie der Klönschnack schreibt – heute können sie darüber lachen.
Ein Schiff aus der Nachkriegszeit Die „Santa Teresa“ gehörte zu den Schiffen, mit denen Hamburg Süd ihren Südamerika-Verkehr neu aufstellte. 1951 hatte die Reederei mit der „Santa Ursula“ den Liniendienst zwischen Europa und der Ostküste Südamerikas wieder aufgenommen; mit ihr begann eine erste Serie von sechs „Santa“-Schiffen. Die erste „Santa Teresa“ war von 1953 bis 1961 im Einsatz: rund 146 Meter lang, 11.710 Tonnen Tragfähigkeit, 14 Knoten schnell, mit 54 Mann Besatzung. Der Name blieb der Reederei treu. Von 1976 bis 1982 fuhr eine zweite „Santa Teresa“, und 2012 wurde ein Containerschiff mit rund 7.100 Standardcontainern Kapazität auf denselben Namen getauft.
Hamburg im Herbst 1955 Die Stadt war damals noch dabei, sich aus ihren Kriegszerstörungen wieder aufzubauen. Im selben Monat, am 11. Oktober 1955, empfing Hamburg am Hauptbahnhof 22 Männer, die aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden waren – die ersten Spätheimkehrer aus Hamburg und der Region. Tausende Menschen kamen zum Empfang in die Wandelhalle und an den Bahnsteig, die Stadt war festlich beflaggt. Abschied und Wiedersehen lagen in diesem Herbst nah beieinander.
Der Bull'n: Treffpunkt am Wasser Der Bull'n hat in Blankenese eine lange Tradition. Schon als der Süllberg noch wenig bebaut war, diente ein hölzerner Ponton dieses Namens als Anleger, während auf der Elbe Fischerboote, Fähren und Handelsschiffe unterwegs waren. Blankenese selbst, 1301 erstmals urkundlich erwähnt und einst ein Fischerdorf, gehört seit 1937 zu Hamburg.
Heute heißt der Ponton „Op'n Bulln“ und liegt am Strandweg. Von dort aus lassen sich große Schiffe auf der Elbe beobachten, darunter auch Kreuzfahrtschiffe. Die kleine Szene von 1955 zeigt, wie eng Abschiede, Erinnerungen und der Fluss in Blankenese miteinander verbunden sind.
Themen: Blankenese, Bull'n, Hamburger Geschichte, 1950er Jahre, Hamburg Süd, Santa Teresa, Elbe, Erinnerungen
Abschied am Blankeneser Bull'n: Wie eine Familie 1955 der „Santa Teresa“ nachwinkte