Helden | schöne Geschichten
40 Jahre Hospize: Aus zwei ersten Häusern wurde ein Netz für ganz Deutschland
1986 öffnete in Aachen das erste Hospiz Deutschlands, in Recklinghausen gründete sich im selben Jahr das nächste. 40 Jahre später gibt es rund 290 stationäre Hospize, etwa 1.500 ambulante Dienste und mehr als 140.000 Menschen, die sich haupt- oder ehrenamtlich für Sterbende einsetzen.
Von Madalina ·
In Aachen wird in diesem Jahr gefeiert: mit Benefizkonzerten, einem Sommerfest im Juli und im September mit einem Aachener Hospizgespräch. Anlass ist ein besonderer Geburtstag. Vor 40 Jahren öffnete das Hospiz im Haus Hörn seine Türen – nach eigener Darstellung das erste Hospiz in Deutschland. Auch in Recklinghausen erinnert das Hospiz zum hl. Franziskus an seine Anfänge im Jahr 1986, unter dem schönen Motto „40 Jahre Licht, das bleibt“.
Aus diesen beiden Pionierhäusern ist etwas Großes gewachsen. Wer heute in Deutschland unheilbar krank ist, findet fast überall Menschen, die ihn und seine Familie auf dem letzten Weg begleiten – medizinisch, pflegerisch und ganz einfach menschlich.
Wie alles begann Die Idee kommt aus England. Die Ärztin Cicely Saunders gründete 1967 in London das St. Christopher's Hospice, das als erstes modernes Hospiz gilt. Ihr Leitsatz ist bis heute der Kern der Bewegung: „Den Tagen mehr Leben geben, nicht dem Leben mehr Tage.“
In Deutschland dauerte es länger. Am 7. April 1983 wurde an der Chirurgischen Universitätsklinik in Köln der erste Patient auf einer neuen Station mit fünf Betten aufgenommen – eingerichtet für Menschen mit unheilbarem Krebs. Es war die erste Palliativstation des Landes. Das Rheinische Ärzteblatt erinnerte 2010 daran, dass dies damals als Pioniertat galt – in einem Land, in dem Hospizbewegung und Palliativmedizin im Vergleich zu Großbritannien deutlich hinterherhinkten.
Drei Jahre später folgten die ersten Hospize. Das NRW-Gesundheitsministerium zählt Aachen und Recklinghausen als die beiden ersten stationären Hospize der Bundesrepublik, beide aus dem Jahr 1986. Die Geschichte in Recklinghausen zeigt, wie sehr die Bewegung von Einzelnen getragen wurde: Im März 1986 entstand die Idee auf einer Pilgerreise nach Rom und Assisi. Norbert Homann und Krankenhauspfarrer Hans Overkämping hatten erlebt, wie schwer es Palliativpatienten und ihre Angehörigen im örtlichen Elisabeth-Krankenhaus hatten. Weniger als ein halbes Jahr später war der Verein gegründet, am 23. September 1987 zogen die ersten Gäste ein. Bezahlt wurde anfangs vor allem aus Spenden.
Von der Bürgerinitiative zum Rechtsanspruch Was als Initiative engagierter Bürgerinnen und Bürger begann, wurde Schritt für Schritt fester Teil der Gesundheitsversorgung. 1992 gründete sich die Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz, heute der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband (DHPV). 1994 folgte die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin. 1998 öffnete in Olpe das erste Kinderhospiz Deutschlands.
Auch die Politik zog nach. Seit 2007 haben schwerstkranke Versicherte einen Rechtsanspruch auf Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV): Teams, die rund um die Uhr erreichbar sind und Menschen zu Hause betreuen. Seit 2009 ist Palliativmedizin Pflichtfach im Medizinstudium, seit Dezember 2015 gilt das Hospiz- und Palliativgesetz, das den flächendeckenden Ausbau weiter vorangetrieben hat. Die SAPV bezahlt die Krankenkasse. Für einen Aufenthalt im stationären Hospiz zahlen Versicherte keinen Eigenanteil: Die Krankenkassen tragen 95 Prozent der Kosten, den Rest bringen die Hospize bis heute über Spenden auf.
Lukas Radbruch, damals Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, zog Anfang 2021 eine Bilanz: Palliativversorgung sei „nicht mehr ein ›Hobby‹ einer kleinen Zahl von Pionieren“, sondern Teil der Gesundheitsversorgung in Deutschland.
Das Netz heute Wie dicht dieses Netz geworden ist, zeigen die aktuellen Zahlen des DHPV (Stand Juli 2026): Rund 1.500 ambulante Hospizdienste sind bundesweit unterwegs. Dazu kommen etwa 270 stationäre Hospize für Erwachsene mit im Schnitt rund zehn Betten und 22 Hospize für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. In den Krankenhäusern gibt es rund 340 Palliativstationen, und mehr als 400 SAPV-Teams versorgen Menschen zu Hause. Der Verband schätzt, dass in den stationären Hospizen jedes Jahr rund 36.400 Menschen betreut werden.
Bemerkenswert ist, wie stetig das alles wächst. Anfang 2021 verzeichnete die Datenbank der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin 245 stationäre Hospize für Erwachsene, heute nennt der DHPV etwa 270. Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte mit Zusatzweiterbildung Palliativmedizin stieg von 14.620 im Jahr 2021 auf 18.343 Ende 2025.
Das Herz der Bewegung: Menschen, die Zeit schenken Das vielleicht Schönste an dieser Entwicklung: Sie lebt bis heute vom Ehrenamt. Mehr als 140.000 Menschen engagieren sich laut DHPV ehrenamtlich, bürgerschaftlich oder hauptamtlich in der Hospiz- und Palliativarbeit. 2017 war von etwa 100.000 Engagierten die Rede, 2021 nannte der Verband mehr als 120.000.
Der DHPV nennt das qualifizierte Ehrenamt ausdrücklich eine „zentrale Säule der Hospizbewegung“. Ehrenamtliche begleiten Schwerkranke und ihre Angehörigen vor allem zu Hause, aber auch in Pflegeheimen und Kliniken. Sie bauen Vertrauen auf, stehen bei schwierigen Gesprächen zur Seite und sind da, wenn Fragen nach Sinn und Glauben aufkommen. Für die Familien ist diese Begleitung kostenfrei. Vor dem ersten Einsatz besuchen die Ehrenamtlichen einen Vorbereitungskurs; in Recklinghausen etwa gab es schon 1991 eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter.
Wie wichtig diese Begleitung zu Hause ist, zeigt eine ältere Umfrage des DHPV: Gut jeder Zweite in Deutschland (58 Prozent) möchte am liebsten in den eigenen vier Wänden sterben. Ambulante Hospizdienste und SAPV-Teams helfen dabei, dass das öfter gelingt.
NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann brachte die Haltung hinter der Bewegung 2017 so auf den Punkt: „Das Thema Sterben, Tod und Trauer gehört zum Leben und geht uns alle an.“
Was noch fehlt Zur ehrlichen Bilanz gehört: Fertig ist das Netz nicht. Der Anteil der Menschen, die im Krankenhaus sterben, ist zwar von 55 Prozent (1980, alte Bundesrepublik) auf 46 Prozent (2016) gesunken – das ist aber immer noch fast jeder Zweite. Der DHPV sah 2021 vor allem in strukturschwachen Regionen noch Versorgungslücken, wünschte sich eine bessere palliative Versorgung in Pflegeheimen und verpflichtende Palliativdienste in allen Krankenhäusern. Schon 2017 warnte der damalige DHPV-Vorsitzende Winfried Hardinghaus zudem vor einem Trend zur Ökonomisierung und forderte, das Ehrenamt zu stärken.
Außerdem müssen die Angebote bekannter werden. Hardinghaus betonte 2021, sie müssten „nicht nur vorhanden, sondern auch bekannt sein“.
40 Jahre später Was 1986 in Aachen und Recklinghausen begann, ist zu einer großen, oft leisen Bürgerbewegung geworden. Sie setzt sich dafür ein, dass Sterben, Tod und Trauer als Teil des Lebens gesehen werden – und dass viel mehr Menschen am Lebensende begleitet werden können als noch vor 40 Jahren. Cicely Saunders' Gedanke, den Tagen mehr Leben zu geben, ist in Deutschland angekommen.
Themen: Hospiz, Palliativversorgung, Sterbebegleitung, Ehrenamt, Gesundheitssystem, Deutschland
40 Jahre Hospize: Aus zwei ersten Häusern wurde ein Netz für ganz Deutschland