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30 Jahre Umbau, 930 Arten: Was an der Emscher nach dem Abwasser kam
30 Jahre lang hat das Ruhrgebiet die Emscher vom offenen Abwasserkanal zurück zum Fluss umgebaut. Was das bringt, zeigt eine Zählung: In 24 Stunden fanden rund 60 Forschende an der Emscher in Dortmund rund 930 Tier- und Pflanzenarten, darunter Uferschwalbe und Wasserralle.
Von Andre ·
Ende Juni 2025, ein Wochenende mit über 30 Grad: Rund 60 Forschende sind 24 Stunden lang in zwei Hochwasserrückhaltebecken an der Emscher unterwegs, in Dortmund-Mengede und Dortmund-Ellinghausen. Sie suchen am Ufer und im Wasser, tagsüber und nachts. Am Ende steht auf ihrer Liste eine Zahl: rund 930 Tier- und Pflanzenarten.
Das ist mehr als eine schöne Statistik. Denn die Emscher war rund hundert Jahre lang vor allem eines: der offene Abwasserkanal des Ruhrgebiets. Dass hier heute seltene Vögel brüten und Fische schwimmen, ist das Ergebnis eines Umbaus, der drei Jahrzehnte gedauert hat.
Warum ein Fluss zur Abwasserrinne wurde Die Emscher ist gut 80 Kilometer lang. Sie entspringt in Holzwickede südöstlich von Dortmund und mündet bei Dinslaken in den Rhein. Über ein Jahrhundert lang trug sie das Abwasser von mehr als 2,5 Millionen Menschen mit sich.
Der Grund lag unter der Erde: Der Kohlebergbau ließ den Boden immer wieder absinken. Unterirdische Kanäle hätten das kaum überstanden, also floss das Schmutzwasser offen durch die Landschaft. Erst als der Bergbau Ende der 1980er-Jahre weiter nach Norden gezogen war und sich der Boden beruhigte, wurde ein anderer Weg möglich. Ende 1991 beschloss die Emschergenossenschaft den Umbau, 1992 begannen die Arbeiten.
30 Jahre Bauzeit, 436 Kilometer Kanal Was dann folgte, gehört zu den größten Infrastrukturprojekten Europas. Gebaut wurden 436 Kilometer neue unterirdische Abwasserkanäle, hinzu kommen vier Großkläranlagen. Herzstück ist der Abwasserkanal Emscher: 51 Kilometer lang, von Dortmund bis Dinslaken, an manchen Stellen bis zu 40 Meter tief. Insgesamt kostete das Vorhaben knapp 5,5 Milliarden Euro, unter anderem mit Darlehen der Europäischen Investitionsbank.
Bis Ende 2021 waren auch die letzten Nebenläufe an den Kanal angeschlossen. Seitdem gilt die Emscher als abwasserfrei. Beim Festakt im September 2022 in Castrop-Rauxel sagte der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz, „in der Emscher schwimmen tatsächlich wieder Fische“.
Parallel zum Kanalbau bekamen Bäche und Flussabschnitte wieder ein naturnahes Bett. Anfang 2022 waren rund 150 Kilometer Gewässer umgestaltet, insgesamt sollen es rund 340 Kilometer werden. Dazu kommen über 130 Kilometer neue Rad- und Fußwege.
Die Rückkehr lässt sich messen Die Natur hat nicht auf den Abschluss gewartet. Schon 2020 meldete die Emschergenossenschaft, dass sich die Zahl der im Wasser lebenden wirbellosen Tierarten im Emscher-Gebiet seit etwa 30 Jahren ungefähr verdreifacht habe. Am Hochwasserrückhaltebecken Dortmund-Ellinghausen brütet seit 2017 die Uferschwalbe.
Das Gewässermonitoring, das seit 2022 läuft, zeigt den Trend auch im Hauptfluss: Seitdem wurden in der Emscher insgesamt 336 Arten von Wirbellosen, Fischen, Wasserpflanzen und Kieselalgen nachgewiesen. Die Zahl der empfindlicheren Arten, die auf naturnahe Gewässer hinweisen, ist auf 72 gestiegen. 2024 fanden die Fachleute entlang des gesamten Hauptlaufs mehr Arten als in den Vorjahren. Gearbeitet wird dabei auch mit Umwelt-DNA: Gemeinsam mit der Universität Duisburg-Essen werden Erbgutspuren aus einfachen Wasserproben einzelnen Arten zugeordnet.
Ein wichtiger Schritt war die neue Mündung. Von 1949 an stürzte die Emscher an einem Mündungsbauwerk mehrere Meter tief in den Rhein, für Fische ein unüberwindbares Hindernis. Im November 2022 wurde eine neue, rund 20 Hektar große Mündungsaue etwa 500 Meter weiter nördlich geflutet. Sanft abfallende Sohlgleiten gleichen den Höhenunterschied jetzt aus, sodass Fische erstmals seit Jahrzehnten vom Rhein aus flussaufwärts wandern können. Die Rotfeder, ein Karpfenfisch, hat sich nach Angaben von Forschenden bereits aus dem Rhein kommend in der Emscher angesiedelt.
Ein Tag, 930 Arten Wie viel Leben inzwischen an der Emscher steckt, wollen die Emschergenossenschaft und der NABU NRW seit 2023 genau wissen. Beim „Tag der lebendigen Emscher“ erfassen Fachleute an einem Ort möglichst alles, was dort lebt – 2024 und 2025 jeweils 24 Stunden lang. 2023 war das die neue Mündung in Dinslaken, 2024 ein Park an der Stadtgrenze von Castrop-Rauxel und Recklinghausen. Dort kartierten fast 40 Forschende über 700 Arten, darunter den stark gefährdeten Flussregenpfeifer und die Kleine Zangenlibelle, die in NRW vom Aussterben bedroht ist.
2025 ging es in die Hochwasserrückhaltebecken in Dortmund, mit rund 60 Beteiligten von Universität Duisburg-Essen, Fischereiverband, Biologischen Stationen, NABU-Gruppen und Ehrenamtlichen. Das Ergebnis: rund 930 Arten, davon über 350 Pflanzen und rund 390 Insekten, unter ihnen 160 Schmetterlingsarten, fast 60 Käferarten und knapp 50 Arten von Wildbienen und Wespen.
Einige Funde stechen heraus. Die Schmalflügelige Schilfeule, ein Nachtfalter, gilt in NRW als vom Aussterben bedroht. In dichtem Schilf ließ sich die stark gefährdete Wasserralle beobachten – laut der Bilanz des Aktionstags eine seltene Gelegenheit. Die Uferschwalbe, die in lehmigen Steilwänden nistet, nutzt die neuen Auen zum Brüten und zur Nahrungssuche. Dazu kamen Kiebitz, die seltene Schwanenblume, Fische wie Rotfeder und Dreistachliger Stichling – und mit der Wespe Prionyx kirbii eine Art, die zum ersten Mal in der Region gesichtet wurde.
Ehrlicherweise gehört auch das zur Bilanz: Gefunden wurden ebenso Arten, die Probleme machen, etwa die invasive Riesen-Goldrute und die nicht heimische Nutria. Und weil Ort und Teamgröße jedes Jahr wechseln, sind die Zahlen der Aktionstage eher Momentaufnahmen als ein direkter Vergleich.
Noch nicht am Ziel – und das ist eingeplant Die Emschergenossenschaft selbst bleibt nüchtern. Genug Sauerstoff hat die Emscher bislang nur oberhalb der Kläranlage Dortmund-Deusen das ganze Jahr über. Seit April 2025 hat diese Kläranlage eine vierte Reinigungsstufe; eine zusätzliche Sauerstoffanreicherung soll sauerstoffreiches Wasser in die Emscher bringen. Den guten chemischen Zustand nach der EU-Wasserrahmenrichtlinie erreicht der Fluss in weiten Teilen noch nicht, unter anderem wegen Spurenstoffen und Altlasten aus Bergbau und Industrie.
Bis sich eine gewässertypische Lebensgemeinschaft eingestellt hat, braucht es nach Angaben von Nadine Gerner, Leiterin der Abteilung „Fluss und Landschaft“ bei der Emschergenossenschaft, „in der Regel mindestens zehn Jahre“. Der Gewässerökologe Daniel Hering, Professor an der Universität Duisburg-Essen, rechnet ähnlich: Etwa ein Jahrzehnt könne es noch dauern, bis sich im Hauptfluss stabile Tierbestände gebildet haben.
Was die Emscher uns zeigt Die Emscher ist damit auch ein Freiluftlabor. Seit 2019 gehört ihr Einzugsgebiet zum deutschen Netzwerk für ökologische Langzeitforschung. Die Universität Duisburg-Essen und die Emschergenossenschaft beobachten seit mehr als 30 Jahren, wie Tiere und Pflanzen die umgebauten Gewässer zurückerobern. Solche Erfahrungen sind gefragt: Die EU will bis 2030 insgesamt 25.000 Flusskilometer wieder frei fließen lassen.
Und wenn du selbst schauen willst: Die Rückhaltebecken selbst sind nicht frei zugänglich, doch von den Rad- und Fußwegen entlang der Emscher lassen sich die neuen Auen gut einsehen. Wichtig ist nur, auf den ausgewiesenen Wegen zu bleiben und Hunde nicht frei laufen zu lassen – damit Wasserralle und Uferschwalbe ihre Ruhe behalten.
Daniel Hering hat es dem Guardian gegenüber so zusammengefasst: „Der frühere Abwasserkanal ist jetzt wieder ein Fluss.“
Themen: Emscher Renaturierung, Flussumwandlung, Artenvielfalt Ruhrgebiet, Gewässerschutz, Ökologie, Dortmund Emscher, Umweltprojekt
30 Jahre Umbau, 930 Arten: Was an der Emscher nach dem Abwasser kam