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20 Jahre Mehrgenerationenhäuser: Fast alle Gäste fühlen sich willkommen
Seit 2006 fördert der Bund Mehrgenerationenhäuser, heute sind es rund 530. In einer Befragung von 7.290 Gästen sagten fast 96 Prozent, sie fühlten sich dort willkommen – und drei von vier tauschen sich regelmäßig mit deutlich Jüngeren oder Älteren aus.
Von Silvia ·
Flohmarkt, Kinderdisco, Hüpfburg und ein Seniorenstammtisch – alles am selben Tag, unter einem Dach. So hat das Mehrgenerationenhaus „Kleeblatt“ in Bestensee am 30. Mai 2026 seinen 20. Geburtstag gefeiert. 28 Ehrenamtliche packten mit an, acht Vereine stellten ihre Arbeit vor, vom Sportverein bis zur Stadtmission. Suppenküche, Tafelausgabe und Textilbörse gibt es dort ebenfalls seit 20 Jahren.
Das Jubiläum fällt in ein besonderes Jahr: Auch die bundesweite Förderung wird 2026 zwanzig Jahre alt. Im Jahr 2006 startete der Bund das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser. Seitdem werden solche Häuser in ganz Deutschland gefördert. Zeit für eine Bilanz – und die fällt erfreulich aus.
Vom Pilotprojekt zum bundesweiten Netz Die Wurzeln liegen in Niedersachsen. Dort wurde die Idee 2003 in einem Pilotprojekt entwickelt, angestoßen von Ursula von der Leyen, damals Familienministerin des Landes. Als sie ins Bundesfamilienministerium wechselte, nahm sie das Konzept mit. Das Ziel des ersten Bundesprogramms war ehrgeizig: ein Mehrgenerationenhaus in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt. Bis 2011 wurden so 500 Häuser gefördert.
Seitdem hat sich das Programm mehrmals gewandelt. Von 2012 bis 2016 lief eine zweite Phase mit rund 450 Häusern, von 2017 bis 2020 das Bundesprogramm „Wir leben Zukunft vor“ mit rund 540. Seit 2021 heißt es „Mehrgenerationenhaus. Miteinander – Füreinander“ und ist auf acht Jahre angelegt, also bis 2028. Zuletzt förderte der Bund 527 Häuser (Stand Juli 2025). Jedes Haus erhält vom Bund bis zu 40.000 Euro im Jahr, weitere 10.000 Euro kommen von Kommune, Landkreis oder Land – zusammen also bis zu 50.000 Euro.
Ein Wohnzimmer für alle Was ein Mehrgenerationenhaus anbietet, unterscheidet sich von Ort zu Ort. Am häufigsten nutzen die Gäste den Offenen Treff, einen Ort der Begegnung, der allen offensteht. Dazu kommen Feste, Beratung, Betreuungsangebote oder Hilfe bei digitalen Fragen. Ältere kommen gern, um sich mit Vereinen oder Gruppen zu treffen, etwa im Chor.
Wie das bei den Menschen ankommt, hat das Berliner Institut INTERVAL im Rahmen der Evaluation des Bundesprogramms untersucht. Zwischen Juli und September 2023 beteiligten sich 7.290 Besucherinnen und Besucher an einer Befragung, online oder direkt im Haus.
Was die Gäste sagen Die Ergebnisse lesen sich warm. 95,7 Prozent gaben an, sich im Mehrgenerationenhaus willkommen zu fühlen. Rund 90 Prozent haben dort nach eigener Aussage viel Spaß. 80 Prozent finden, sie könnten sich einbringen, wenn sie möchten, und drei Viertel haben das Gefühl, dass immer jemand da ist, der hilft.
Besonders spannend ist der Name selbst: Treffen sich die Generationen wirklich? Offenbar ja. Etwa drei Viertel der Befragten stehen nach eigener Auskunft regelmäßig oder ständig im Austausch mit Menschen, die deutlich jünger oder deutlich älter sind als sie selbst. Rund die Hälfte hat mindestens regelmäßig Kontakt zu Menschen mit einer anderen Muttersprache oder Herkunft.
Und wer einmal da ist, bleibt oft. Mehr als zwei Drittel kommen mindestens einmal pro Woche. 87 Prozent besuchen ihr Haus seit einem Jahr oder länger, knapp jede und jeder Vierte sogar seit zehn Jahren oder mehr. Den Weg dorthin finden die meisten übrigens ganz klassisch: Rund 46 Prozent haben von Bekannten vom Mehrgenerationenhaus erfahren.
Ehrlich eingeordnet So schön die Zahlen sind, sie haben Grenzen. Befragt wurden nur Menschen, die ohnehin ins Haus kommen. Wer sich dort nicht wohlfühlt, bleibt vermutlich eher weg und taucht in der Statistik gar nicht auf. Außerdem waren Frauen und Menschen ab 65 unter den Befragten überrepräsentiert, Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung dagegen unterrepräsentiert. Darauf weisen die Forschenden selbst hin.
Das gilt auch für das Thema Einsamkeit. Rund 35 Prozent der Gäste gaben an, sich mindestens manchmal einsam zu fühlen. Bundesweit lag der Vergleichswert bei 42 Prozent. Ein klarer Beleg, dass Mehrgenerationenhäuser Einsamkeit verringern, ist das aber nicht: Die Vergleichsdaten stammen aus einer anderen Gruppe und wurden noch stark von der Corona-Pandemie geprägt. Die Autorinnen und Autoren halten die Werte deshalb nur für begrenzt vergleichbar.
Auch finanziell war es nicht immer ruhig. Der Haushaltsentwurf für 2024 sah vor, den Bundeszuschuss pro Haus um 5 Prozent auf 38.000 Euro zu senken. Im Februar 2024 wurde die Kürzung zurückgenommen. Wie groß der Druck war, zeigt die Befragung der Koordinatorinnen und Koordinatoren vom Oktober 2023, also noch vor der Rücknahme: Rund 90 Prozent sahen wegen steigender Kosten und der drohenden Kürzung hohen Entwicklungsbedarf. Rund die Hälfte sah ihn auch bei der Gewinnung und Bindung von Ehrenamtlichen.
Ein Ort gegen das Alleinsein Bemerkenswert ist, wie nah die Häuser an den Sorgen ihrer Nachbarschaft arbeiten. Fragt man die Koordinatorinnen und Koordinatoren, was die Menschen vor Ort gerade bewegt, landen Einsamkeit und soziale Isolation ganz oben – neben steigenden Kosten für Lebensmittel und Energie sowie Zukunftsängsten. Mindestens zwei Drittel der befragten Häuser haben zu Einsamkeit bereits eigene Angebote.
Nach 20 Jahren lässt sich also festhalten: Begegnung zwischen Generationen muss kein Zufall bleiben. Sie lässt sich organisieren, mit einem offenen Raum, festen Ansprechpersonen und vielen Ehrenamtlichen – und das inzwischen seit zwei Jahrzehnten. Wer ein Haus in der Nähe sucht, findet auf mehrgenerationenhaeuser.de eine Suche nach Standorten.
Themen: Mehrgenerationenhäuser, Gemeinschaft, Generationen, Soziales Miteinander, Bundesprogramm, Zusammenhalt, Einsamkeit
20 Jahre Mehrgenerationenhäuser: Fast alle Gäste fühlen sich willkommen