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1700 Jahre altes Odyssee-Fragment entdeckt – ein winziges Stück erzählt große Geschichte
Ein winziges Pergament aus Homers Odyssee lag lange unerkannt in Utrecht – und erzählt von antiker Lesekultur.
1700 Jahre altes Odyssee-Fragment entdeckt – ein winziges Stück erzählt große Geschichte Es ist kaum größer als eine Spielkarte, verfärbt, beschädigt und auf den ersten Blick alles andere als spektakulär. Doch ein kleines Stück Pergament in der Universitätsbibliothek Utrecht hat sich als außergewöhnlicher Zeuge der Literaturgeschichte entpuppt: Darauf stehen Verse aus Homers „Odyssee“, geschrieben vor rund 1700 Jahren.
Der Fund zeigt nicht nur, wie erstaunlich lange Geschichten überleben können. Er gibt auch einen seltenen Einblick darin, wie Menschen in der Spätantike eines der berühmtesten Werke der Antike gelesen haben.
Ein literarischer Schatz, der jahrzehntelang übersehen wurde Der Altphilologe und Papyrologe Mark de Kreij von der Radboud-Universität untersuchte antike Handschriften aus den Sondersammlungen der Universität Utrecht, als ihm ein unscheinbares Pergamentfragment auffiel. Es gehörte zu einer Sammlung frühchristlicher Handschriften, die die Universität Mitte des 20. Jahrhunderts von den Erben des deutschen Gelehrten Carl Schmidt erworben hatte.
Das beschädigte Stück galt zunächst als wenig bedeutendes Manuskript aus dem 7. Jahrhundert. Doch de Kreij erkannte einzelne Wörter, die typisch für die homerischen Epen sind. Der Abgleich brachte schließlich die Überraschung: Die Zeilen stammen aus dem zwölften Buch der „Odyssee“.
Und das Pergament ist noch deutlich älter als zunächst angenommen. Es wird in das 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus datiert.
Genau hier nimmt Odysseus’ Reise eine dramatische Wendung Der erhaltene Text erwischt die „Odyssee“ ausgerechnet an einem ihrer entscheidenden Momente.
Odysseus und seine Gefährten erreichen die Insel Thrinakia. Obwohl sie ausdrücklich davor gewarnt wurden, die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios anzurühren, schlachten die hungernden Männer einige der Tiere.
Das Utrechter Fragment beschreibt den Moment, in dem Helios davon erfährt. Er fordert von Zeus Vergeltung. Kurz darauf wird Odysseus’ Schiff zerstört, seine Gefährten sterben – und Odysseus bleibt als einziger Überlebender zurück.
Ein paar Zentimeter Pergament bewahren damit eine Szene, die seit mehr als zwei Jahrtausenden erzählt wird.
Eine „Odyssee“ für unterwegs? Besonders spannend ist die Form des Fundstücks. Das Pergament ist auf beiden Seiten beschrieben und gehörte vermutlich zu einem kleinen Codex – also zu einem gebundenen Buch und nicht zu einer klassischen Schriftrolle.
Nach Einschätzung der Universität Utrecht könnte es Teil einer handlichen Ausgabe der kompletten „Odyssee“ gewesen sein, ungefähr in der Größe eines heutigen E-Readers. Das Buch wurde wahrscheinlich um das Jahr 300 nach Christus in Ägypten genutzt; als möglicher Herkunftsort gilt die Fayyum-Oase.
Damit wirkt die Antike plötzlich erstaunlich modern: Auch vor 1700 Jahren wollten Menschen offenbar große Geschichten in einem möglichst handlichen Format lesen.
Nur wenige vergleichbare Stücke sind erhalten Das Fragment trägt heute die Signatur Utrecht Gr. Ms. B6.39a . Vergleichbare antike Fragmente der „Odyssee“ aus dieser Zeit sind ausgesprochen selten – nach Angaben der Universität sind weltweit nur etwa 30 Stücke dieser Art bekannt.
Identifiziert wurde das Utrechter Pergament bereits rund zwei Jahre vor seiner öffentlichen Bekanntgabe. Erst im September 2026 stellte die Universität den Fund einer breiteren Öffentlichkeit vor.
Dass ein bedeutendes Stück Literaturgeschichte so lange unerkannt in einer Bibliothek liegen konnte, hat dabei etwas Beruhigendes: Nicht jede große Entdeckung wartet unter einer meterhohen Erdschicht. Manchmal genügt ein genauer Blick in eine alte Archivbox.
1700 Jahre altes Odyssee-Fragment entdeckt – ein winziges Stück erzählt große Geschichte