Politik | Wirtschaft | Finanzen
160 Millionen Mal genutzt: Was der Wahl-O-Mat für die Demokratie leistet
Rund 160 Millionen Mal ist der Wahl-O-Mat seit 2002 genutzt worden, zuletzt mit neuen Rekorden. Junge Leute entwerfen die Thesen, die Parteien antworten selbst. Und in Befragungen sagen viele, dass sie die Unterschiede zwischen den Parteien danach klarer sehen.
Von Max ·
Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September 2026 meldete die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) einen neuen Rekord: Der Wahl-O-Mat für das Bundesland hatte mehr als eine Million Nutzungen erreicht. Zehn Jahre zuvor waren es rund 488.000 gewesen – nicht einmal halb so viele. Das ist kein Einzelfall, sondern Teil einer langen Erfolgsgeschichte.
Seit 2002 ist der Wahl-O-Mat vor Bundestags-, Europa- und Landtagswahlen nach Angaben der bpb rund 160 Millionen Mal genutzt worden (Stand: Februar 2025). Bei seiner Premiere zur Bundestagswahl 2002 kam er auf rund 3,6 Millionen Nutzungen. Zur Bundestagswahl 2021 waren es 21,3 Millionen, zur Bundestagswahl 2025 dann 26 Millionen – über 22 Prozent mehr als vier Jahre zuvor. Für ein freiwilliges Angebot der politischen Bildung ist das eine beachtliche Reichweite.
Junge Leute entwerfen die Thesen, die Parteien antworten selbst Das Prinzip ist schnell erklärt: Du klickst dich durch 38 Thesen, stimmst zu, lehnst ab oder bleibst neutral – und am Ende siehst du, mit welchen Parteien deine Antworten am meisten übereinstimmen. Das Vorbild stammt aus den Niederlanden: Der Wahl-O-Mat ist die deutsche Version des „StemWijzer“, entwickelt vom Amsterdamer Instituut voor Publiek en Politiek.
Spannender ist, wie die Thesen entstehen. Für jeden Wahl-O-Mat bildet die bpb eine Redaktion aus 20 bis 25 Jung- und Erstwählerinnen und -wählern, etwa zwischen 16 beziehungsweise 18 und 26 Jahren. Wer im passenden Alter und wahlberechtigt ist, kann sich bewerben. Begleitet werden die jungen Leute von Fachleuten aus Politikwissenschaft, Statistik und Pädagogik sowie von der bpb und meist den Landeszentralen für politische Bildung.
In einem dreitägigen Workshop, etwa drei Monate vor der Wahl, entwickelt die Redaktion aus den Wahlprogrammen 80 bis 100 Thesen. Die Parteien beantworten sie dann selbst und können jede Antwort begründen. Politikwissenschaftler prüfen die Antworten auf Missverständnisse und Widersprüche – das letzte Wort über ihre Position behalten aber die Parteien. In einem zweiten Workshop wählt die Redaktion schließlich 38 Thesen aus: Die Auswahl soll die wichtigsten Themen der Wahl abdecken, die Parteien gut unterscheidbar machen und ein breites Spektrum bieten.
Auch die Rechnung dahinter ist offengelegt: Gleiche Antworten bringen zwei Punkte, eine Annäherung – etwa „neutral“ gegen „stimme zu“ – einen Punkt, gegensätzliche Antworten keinen. Thesen, die dir besonders wichtig sind, kannst du doppelt gewichten. Übersprungene Thesen fallen aus der Berechnung heraus.
Was die Nutzerinnen und Nutzer berichten Wissenschaftlich begleitet wird der Wahl-O-Mat von der Wahl-O-Mat-Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Der Politikwissenschaftler Stefan Marschall ist nach eigenen Worten seit 2003 dabei. Sein Team befragt regelmäßig Menschen direkt nach der Nutzung – per Einladung, die einem Teil der Besucherinnen und Besucher auf der Seite angezeigt wird.
Ein Beispiel ist die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2022 mit fast 14.000 abgeschlossenen Interviews. Dort gaben 70,3 Prozent an, dass ihnen der Wahl-O-Mat die Unterschiede zwischen den Parteien klarer gemacht hat. 67,5 Prozent wurden nach eigener Angabe auf landespolitische Themen aufmerksam, 81 Prozent sagten, es habe ihnen schlicht Spaß gemacht. Und viele wollten es nicht beim Klicken belassen: 73,2 Prozent wollten über ihr Ergebnis sprechen, 55 Prozent fühlten sich motiviert, sich weiter politisch zu informieren. Die bpb fasst die Befunde ihrer Begleitforschung ähnlich zusammen: Rund 70 Prozent erkennen klarer die Unterschiede zwischen den Parteien, 60 Prozent fühlen sich motiviert, sich weiter zu informieren.
Bemerkenswert ist auch die Treffgenauigkeit. Laut bpb finden sich in den Befragungen rund 92 Prozent derjenigen, die schon vorher eine klare politische Position hatten, im Ergebnis genau oder annähernd wieder. Für die allermeisten passt das Ergebnis also zur eigenen Einschätzung.
Ehrlich gerechnet: der Effekt auf die Wahlbeteiligung Bringt der Wahl-O-Mat Menschen an die Wahlurne? Hier lohnt der genaue Blick. In der NRW-Befragung 2022 hatten 97,2 Prozent schon vor der Nutzung vor, wählen zu gehen. Nur 1,9 Prozent waren unsicher oder wollten nicht wählen. Von dieser kleinen Gruppe gab gut die Hälfte – 52,6 Prozent – an, nun doch zur Landtagswahl gehen zu wollen. Das klingt viel, betrifft rechnerisch aber nur rund ein Prozent der Befragten. Und ob sie dann tatsächlich gewählt haben, misst die Befragung nicht.
Überhaupt beruhen alle Wirkungszahlen auf Selbstauskünften. Teilgenommen hat 2022 nur ein kleiner Teil der Angefragten, der Rücklauf lag bei 7,6 Prozent. Die Befragten sind zudem überdurchschnittlich gebildet: 77,9 Prozent hatten Abitur, Fachhochschulreife oder einen Hochschulabschluss – unter den Internetnutzern in Deutschland insgesamt waren es laut den in der Studie herangezogenen Vergleichsdaten 39,5 Prozent. 86,8 Prozent bezeichneten sich als politisch interessiert. Zumindest unter den Befragten sind also Menschen, die sich ohnehin für Politik interessieren, besonders stark vertreten.
Kritik und Grenzen Die bpb selbst betont: Der Wahl-O-Mat ist ein Angebot zur politischen Bildung, keine Wahlempfehlung. 38 Thesen zeigen nur einen Ausschnitt der Politik, Themen, die dir wichtig sind, können fehlen. Und weil nur Thesen aufgenommen werden, bei denen die Parteien deutlich unterschiedlich antworten, fallen Fragen heraus, bei denen sich alle einig sind. Die bpb rät deshalb, auch die Begründungen der Parteien zu lesen – gleiche Antworten können ganz unterschiedliche Motive haben.
Kritik gibt es auch am Verfahren. Der Münsteraner Politikwissenschaftler Norbert Kersting bemängelte zur Bundestagswahl 2025 gegenüber der Berliner Morgenpost, dass vor allem Jugendliche und Erstwähler die Thesen erarbeiten, und forderte, auch andere Altersgruppen einzubeziehen; das Formulieren von Thesen sei ein wissenschaftliches Handwerk. Und 2019 stoppte das Verwaltungsgericht Köln den Wahl-O-Mat zur Europawahl vorläufig, nachdem die Kleinpartei Volt geklagt hatte: Nutzer konnten ihre Antworten damals nur mit höchstens acht Parteien gleichzeitig vergleichen. Auf Initiative des Oberverwaltungsgerichts Münster einigte sich die bpb mit der Partei und sagte zu, die Beschränkung abzuschaffen – seitdem kannst du selbst wählen, mit welchen und wie vielen Parteien du dich vergleichst.
Warum das eine gute Nachricht ist Der Wahl-O-Mat entscheidet keine Wahl, und er will es auch nicht. Was er leistet, ist etwas anderes: Er bringt Millionen Menschen dazu, sich vor einer Wahl mit konkreten Sachfragen auseinanderzusetzen, die eigene Haltung zu überprüfen und – so sagen es viele in Befragungen – mit anderen darüber zu reden. Ziel sei es, „insbesondere junge Wählerinnen und Wähler zu informieren“, sagte bpb-Präsident Thomas Krüger 2025. Dass dabei junge Menschen die Thesen selbst mitgestalten, macht das Angebot zu einem Stück gelebter Beteiligung.
Und der Zuspruch wächst weiter: von 3,6 Millionen Nutzungen bei der Premiere 2002 bis zu 26 Millionen zur Bundestagswahl 2025 – und einem neuen Rekord bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September 2026. Wenn du ihn beim nächsten Mal nutzt, lohnt ein Tipp der bpb: das Ergebnis als Startpunkt verstehen, nicht als Endpunkt – und ruhig einen Blick in die Begründungen der Parteien werfen.
Themen: Wahl-O-Mat, politische Bildung, Demokratie, Wahlen, Parteienvergleich, Erstwähler, Bürgerbeteiligung
160 Millionen Mal genutzt: Was der Wahl-O-Mat für die Demokratie leistet