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152 Maßnahmen für Start-ups: So will Deutschland Gründer schneller groß machen
Deutschland erlebt einen bemerkenswerten Gründungsboom – doch vielen jungen Unternehmen fehlt das Kapital für den nächsten großen Wachstumsschritt. Mit 152 Maßnahmen will die Bundesregierung Finanzierung, Unternehmensgründungen, öffentliche Aufträge und den Weg von der Forschung in den Markt erleichtern.
Von Max ·
Mehr Kapital, weniger Formulare: Wie Deutschland Start-ups groß machen will Deutschland mangelt es derzeit offenbar nicht an Menschen mit Ideen. Im ersten Halbjahr 2026 entstanden bundesweit 3.053 neue Start-ups – so viele wie noch nie in einem Halbjahr seit Beginn der Erhebung. Gegenüber der zweiten Hälfte des Jahres 2025 entspricht das einem Anstieg von 52 Prozent. Mehr als jede dritte Neugründung beschäftigt sich inzwischen mit Künstlicher Intelligenz.
Doch zwischen einer vielversprechenden Gründung und einem international erfolgreichen Unternehmen liegt eine entscheidende Hürde: das Wachstum. Neue Firmen benötigen Kapital, Fachkräfte, Kunden und schnelle Verwaltungsverfahren. Fehlen diese Voraussetzungen, werden Entwicklungen eingestellt, Unternehmen verkauft oder Standorte ins Ausland verlagert.
Genau an dieser Stelle soll die neue Startup- und Scaleup-Strategie der Bundesregierung ansetzen. Der 36 Seiten umfassende Entwurf bündelt nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums 152 Maßnahmen in acht Handlungsfeldern. Im Mittelpunkt stehen bessere Finanzierungsbedingungen, weniger Bürokratie, Ausgründungen aus Hochschulen, der Zugang zu öffentlichen Aufträgen, Fachkräfte sowie erstmals ausdrücklich Start-ups aus den Bereichen Sicherheit und Verteidigung.
Viele Gründungen – aber zu wenige große Unternehmen Die Ausgangslage wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Einerseits ist die Gründungsdynamik so hoch wie lange nicht. Andererseits gelingt es Deutschland noch zu selten, aus erfolgreichen jungen Firmen dauerhaft große Technologieunternehmen zu entwickeln.
Start-ups und Scale-ups sind bereits ein bedeutender Arbeitgeber. Mehr als 522.000 Menschen arbeiten nach Angaben des Startup-Verbands in diesem Ökosystem. Innerhalb von vier Jahren stieg die Beschäftigtenzahl um mehr als ein Viertel – trotz schwacher Konjunktur und wirtschaftlicher Unsicherheit.
Beim verfügbaren Wachstumskapital bleibt Deutschland jedoch hinter führenden Standorten zurück. Nach den Reuters vorliegenden Regierungsunterlagen flossen 2025 rund 7,2 Milliarden Euro an Wagniskapital in deutsche Start-ups. Besonders in späteren Finanzierungsphasen sind junge Firmen häufig auf große internationale Investoren angewiesen.
Auch die aktuellen Zahlen zeigen, dass mehr Geld nicht automatisch bei mehr Unternehmen ankommt. Im ersten Halbjahr 2026 sammelten deutsche Start-ups rund 5,3 Milliarden Euro ein – etwa 14 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig sank die Zahl der Finanzierungsrunden um elf Prozent auf 354. Ein wachsender Anteil des Geldes konzentrierte sich auf wenige große Transaktionen.
Für kleine und sehr junge Unternehmen bleibt die Finanzierung damit schwierig. Die neue Strategie soll deshalb nicht nur einzelne Spitzenprojekte fördern, sondern den Kapitalzugang über verschiedene Entwicklungsphasen hinweg verbessern.
Mehr privates Kapital für die Wachstumsphase Ein Kernpunkt ist die Mobilisierung privaten Kapitals. Die Bundesregierung will unter anderem den Zukunftsfonds, ein staatlich unterstütztes Programm für Wagniskapital, über das Jahr 2030 hinaus fortführen. Zusätzlich sollen Versicherungen, Stiftungen, Altersvorsorgeeinrichtungen und andere institutionelle Anleger leichter in Wagniskapitalfonds investieren können.
Dabei geht es nicht darum, dass der Staat jede vielversprechende Firma selbst finanziert. Öffentliche Mittel und Garantien sollen vielmehr einen Teil des Risikos übernehmen und dadurch zusätzliche private Investitionen ermöglichen.
Eine wichtige Rolle spielt der Ende 2025 gestartete Deutschlandfonds. Der Bund stellt dafür Haushaltsmittel und Garantien von rund 30 Milliarden Euro bereit. Gemeinsam mit KfW-Mitteln sollen dadurch zusätzliche Investitionen von insgesamt rund 130 Milliarden Euro ausgelöst werden.
Diese Summe ist allerdings kein reiner Start-up-Fonds. Sie verteilt sich auf Industrie, Mittelstand, Energieinfrastruktur, Rohstoffprojekte, Wagniskapital sowie junge Wachstumsunternehmen. Für Start-ups und Scale-ups haben Bund und KfW im Juli 2026 weitere 1,5 Milliarden Euro über einen Zeitraum von zehn Jahren angekündigt.
Flankiert wird dies durch die WIN-Initiative, in der sich Unternehmen, Finanzwirtschaft, Verbände, Politik und KfW zusammengeschlossen haben. Die beteiligten Akteure wollen rund zwölf Milliarden Euro zur Stärkung des deutschen Wagniskapitalmarktes bereitstellen. Bis 2030 sollen nach dem politischen Ziel insgesamt 25 Milliarden Euro institutionelles Kapital für Venture-Capital-Anlagen mobilisiert werden.
Gründen soll schneller und vollständig digital werden Kapital allein löst jedoch nicht alle Probleme. Wer in Deutschland ein Unternehmen gründet, trifft noch immer auf unterschiedliche Register, Behörden, Anträge und Zuständigkeiten. Gerade für internationale Gründerinnen und Gründer kann daraus ein erheblicher Wettbewerbsnachteil entstehen.
Mit dem Projekt „Schneller Gründen“ sollen die notwendigen Verwaltungsverfahren durchgängig digitalisiert und stärker miteinander verbunden werden. Daten sollen möglichst nur einmal eingegeben werden müssen. Das politische Ziel ist, standardisierte Gründungen künftig in vielen Fällen innerhalb von 24 Stunden zu ermöglichen.
Parallel unterstützt die Bundesregierung die Idee einer europaweit nutzbaren Unternehmensform, die häufig als „EU Inc.“ oder „28. Regime“ bezeichnet wird. Junge Firmen könnten dann leichter in mehreren Mitgliedstaaten tätig werden, ohne in jedem Land unterschiedliche gesellschaftsrechtliche Konstruktionen aufbauen zu müssen. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte sich im Mai 2026 ausdrücklich für dieses europäische Modell ausgesprochen.
Eine gemeinsame Rechtsform könnte vor allem Start-ups helfen, die von Beginn an international arbeiten. Für sie endet der relevante Markt selten an einer Landesgrenze.
Der Staat soll häufiger zum ersten Kunden werden Ein weiterer Hebel ist die öffentliche Beschaffung. Bund, Länder, Kommunen und öffentliche Unternehmen vergeben jedes Jahr Aufträge in erheblichem Umfang. Für Start-ups bleibt dieser Markt bislang jedoch oft schwer zugänglich.
Junge Firmen verfügen meist nicht über lange Referenzlisten, große Verwaltungsabteilungen oder jahrelange Bilanzen. Genau solche Nachweise werden bei öffentlichen Ausschreibungen aber häufig verlangt. Die neue Strategie sieht deshalb vor, Start-ups bei Vergabeverfahren stärker zu berücksichtigen und den Zugang zu staatlichen Aufträgen zu erleichtern.
Das könnte dem Staat selbst nutzen: Statt nur fertige Standardprodukte großer Anbieter einzukaufen, könnten Behörden neue digitale, medizinische, energetische oder industrielle Lösungen früher praktisch erproben. Ein erster öffentlicher Auftrag kann einem jungen Unternehmen zugleich die Referenz verschaffen, die es für weitere Kunden benötigt.
Entscheidend wird allerdings sein, ob sich Ausschreibungsregeln und die Risikokultur öffentlicher Auftraggeber tatsächlich verändern. Eine politische Strategie allein führt noch nicht automatisch dazu, dass eine Kommune oder Bundesbehörde häufiger einer jungen Firma den Zuschlag erteilt.
Neue Aufmerksamkeit für Sicherheits- und Verteidigungstechnologien Erstmals bildet der Bereich Sicherheit und Verteidigung ein eigenes Schwerpunktfeld der deutschen Start-up-Politik. Geplant ist unter anderem ein staatliches Direktbeteiligungsinstrument für Unternehmen, die Technologien in diesem Bereich entwickeln. Auch der Zugang zu öffentlichen Aufträgen soll erleichtert werden.
Das Interesse privater Investoren ist bereits deutlich gestiegen. Nach Zahlen des EY-Start-up-Barometers flossen im ersten Halbjahr 2026 rund 579 Millionen Euro in deutsche Unternehmen aus dem Verteidigungsbereich. Zu den gefragten Entwicklungen gehören Drohnen, Sensorik, Satellitentechnik, Cybersicherheit, Robotik und Kommunikationssysteme.
Viele dieser Technologien besitzen sogenannte Dual-Use-Eigenschaften: Sie lassen sich sowohl militärisch als auch zivil einsetzen. Fortschritte bei Satelliten, Navigation, sicheren Kommunikationsnetzen, Robotik oder Katastrophenschutz können deshalb auch Anwendungen außerhalb der Verteidigung ermöglichen.
Der Bereich bleibt dennoch politisch und ethisch sensibel. Staatliche Förderung benötigt klare Regeln, wirksame parlamentarische Kontrolle und nachvollziehbare Kriterien dafür, welche Technologien unterstützt und wie sie eingesetzt werden dürfen.
Mehr Ideen aus Hochschulen in den Markt bringen In deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen entstehen zahlreiche Patente und technologische Entwicklungen. Aus ihnen werden jedoch vergleichsweise selten international wachsende Unternehmen.
Die Strategie will Ausgründungen aus Hochschulen erleichtern. Forschungsteams sollen schneller Zugang zu Patenten, Laboren, Daten, Beratung und Finanzierung erhalten. Auch die Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und jungen Technologiefirmen soll ausgebaut werden.
Das ist besonders für sogenannte Deep-Tech-Gründungen relevant. Unternehmen aus Bereichen wie Biotechnologie, Quantentechnologie, Energie, Halbleitertechnik oder Robotik benötigen häufig viele Jahre Forschung und hohe Anfangsinvestitionen, bevor ein marktfähiges Produkt entsteht.
Klassische kurzfristige Finanzierungsmodelle reichen dafür oft nicht aus. Langfristige Fonds, staatliche Risikoabsicherung und bessere Transferbedingungen können deshalb darüber entscheiden, ob eine Erfindung im Labor bleibt oder zu einem neuen Unternehmen wird.
Beteiligung am Erfolg soll Fachkräfte anziehen Auch beim Wettbewerb um qualifizierte Beschäftigte will die Bundesregierung nachbessern. Start-ups können häufig nicht dieselben Gehälter zahlen wie internationale Konzerne. Dafür bieten sie ihren Mitarbeitenden Beteiligungen am späteren Unternehmenserfolg an.
Die steuerlichen und rechtlichen Bedingungen für solche Mitarbeiterkapitalbeteiligungen sollen weiter verbessert werden. Ziel ist, Beschäftigte nicht bereits dann steuerlich zu belasten, wenn sie Unternehmensanteile erhalten, sondern möglichst erst, wenn daraus tatsächlich ein finanzieller Erlös entsteht.
Zusätzlich sollen Einwanderungs- und Anerkennungsverfahren für internationale Fachkräfte digitaler und planbarer werden. Die geplante Work-and-Stay-Agentur soll Anträge, Arbeitserlaubnisse und die Anerkennung ausländischer Abschlüsse über eine zentrale Plattform bündeln.
Ein starkes Signal – dessen Wirkung von der Umsetzung abhängt Die neue Strategie trifft auf eine Gründungslandschaft, die derzeit ungewöhnlich dynamisch ist. Rekordzahlen bei Neugründungen, wachsende Beschäftigung und das steigende Interesse an KI, Robotik, Biotechnologie und Klimainnovationen zeigen, dass Deutschland über technologisches und unternehmerisches Potenzial verfügt.
Die 152 Maßnahmen können dazu beitragen, aus diesem Potenzial häufiger dauerhaft erfolgreiche Unternehmen zu machen. Positiv ist vor allem, dass die Strategie nicht ausschließlich auf neue Förderprogramme setzt. Sie verbindet Finanzierung mit schnelleren Verwaltungsverfahren, Forschungstransfer, Fachkräften und öffentlichen Aufträgen.
Dennoch ist das Papier zunächst ein politischer Fahrplan. Viele Vorhaben benötigen neue Gesetze, Haushaltsmittel, Änderungen der Verwaltungspraxis oder Entscheidungen auf europäischer Ebene. Auch Branchenverbände hatten zuletzt darauf hingewiesen, dass es Deutschland weniger an Vorschlägen als an konsequenter Umsetzung und messbaren Fortschritten mangele.
Der entscheidende Test beginnt deshalb nach dem Kabinettsbeschluss: Werden Unternehmensgründungen wirklich schneller? Erreichen mehr kleine Firmen eine Finanzierung? Kaufen öffentliche Stellen häufiger innovative Lösungen? Und entstehen aus deutschen Forschungsergebnissen mehr Unternehmen, die auch zehn Jahre später noch in Europa wachsen?
Gelingt das, könnte die Strategie weit mehr sein als ein weiteres Regierungspapier. Sie könnte dazu beitragen, dass gute Ideen nicht nur in Deutschland entstehen, sondern hier auch zu neuen Arbeitsplätzen, Technologien und zukunftsfähigen Unternehmen werden.
152 Maßnahmen für Start-ups: So will Deutschland Gründer schneller groß machen