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15 Jahre Geduld: Aus einem Acker wird eine Wildblumenwiese
Kein gekauftes Saatgut, kein tiefes Pflügen, kein Abtragen des Bodens: Auf einem ehemaligen Acker in England entstand innerhalb weniger Jahre eine artenreiche Wiese mit Tausenden Orchideen. Ganz ohne menschliche Hilfe geschah das allerdings nicht – entscheidend war eine ebenso einfache wie traditionelle Form der Pflege.
Von Madalina ·
Als der Acker wieder Wiese werden durfte Wo früher Raps in geraden Reihen wuchs, stehen heute Orchideen zwischen Gräsern, Seggen und Wildblumen. Im Sommer summen Insekten über der Fläche, während sich die Pflanzen im Wind bewegen. Was wie der Erfolg eines aufwendig geplanten Renaturierungsprojekts aussieht, begann mit einer ungewöhnlichen Entscheidung: Die Eigentümer säten nichts aus.
Die rund zwei Hektar große Fläche liegt bei Bodham in der ostenglischen Grafschaft Norfolk. Nachdem dort 2005 zum letzten Mal Raps geerntet worden war, wurde der schwer zu entwässernde Acker aus der landwirtschaftlichen Produktion genommen. Statt eine fertige Wildblumenmischung auszubringen, ließ die Familie des Ökologen Carl Sayer beobachten, welche Pflanzen aus eigener Kraft zurückkehren würden.
Das Ergebnis dieser Geduldsprobe wurde im Fachjournal Restoration Ecology veröffentlicht: Innerhalb von etwa zehn bis 15 Jahren entwickelte sich die ehemalige Ackerfläche zu einer überraschend artenreichen Wiese. Die Untersuchung liefert damit einen seltenen Langzeitblick darauf, wie sich Pflanzenbestände nach dem Ende des Ackerbaus verändern können.
Nicht unberührt – aber ohne Aussaat Ganz sich selbst überlassen wurde die später „Sayer’s Meadow“ genannte Fläche allerdings nicht. Ab 2011 wurde sie einmal jährlich nach traditioneller Art gemäht. Das Heu wurde anschließend entfernt.
Diese Präzisierung ist wichtig: Die Wiese entstand ohne gezielte Aussaat, aber nicht ohne Pflege. Durch das Abtransportieren des Schnittguts gelangen weniger Nährstoffe zurück in den Boden. Besonders konkurrenzstarke Gräser werden dadurch langfristig gebremst, während kleinere und lichtbedürftigere Wildpflanzen bessere Chancen erhalten. Auch Natural England empfiehlt für Blumenwiesen einen späten Heuschnitt mit anschließendem Entfernen des Materials.
Eine Blumenwiese braucht also nicht zwingend mehr Eingriffe. Manchmal braucht sie vor allem den richtigen Eingriff zur richtigen Zeit.
Die Pflanzenvielfalt verdoppelte sich Zwischen 2011 und 2022 untersuchten die Forschenden die Vegetation alle zwei bis drei Jahre. Neben systematischen Begehungen der gesamten Fläche beobachteten sie 24 dauerhaft markierte Quadrate von jeweils einem Quadratmeter entlang zweier festgelegter Linien.
Zu Beginn der Messungen fanden sie durchschnittlich ungefähr zehn Pflanzenarten pro Untersuchungsquadrat. Bis 2022 hatte sich dieser Wert auf beinahe 20 Arten verdoppelt. Nach drei bis vier Jahren regelmäßiger Mahd gingen viele kurzlebige Acker- und Ruderalpflanzen zurück, während mehrjährige Arten und Hülsenfrüchtler zunahmen.
Besonders auffällig war die Ausbreitung zweier Orchideenarten. Anfangs verzeichnete das Team ihre Standorte noch einzeln per GPS. Später standen so viele Orchideen auf der Wiese, dass eine vollständige Zählung nicht mehr sinnvoll war. Hinzu kamen regional seltene Pflanzen wie das Übersehene Knabenkraut, der Klappertopf, das Tausendgüldenkraut und größere Seggenarten.
Die Pflanzengemeinschaft entwickelte sich dabei von einer offenen, durch typische Ackerbegleiter geprägten Vegetation in Richtung mehrerer britischer Wiesentypen mit hohem Naturschutzwert. Die Forschenden sprechen jedoch bewusst von möglichen Entwicklungszielen – nicht davon, dass nach elf Jahren bereits jede ökologische Eigenschaft einer alten, über Jahrhunderte gewachsenen Wiese zurückgekehrt sei.
Wie kamen die seltenen Pflanzen auf den Acker? Ein Teil der Arten könnte aus noch vorhandenen Samen im Boden hervorgegangen sein. Andere Samen dürften durch Wind, Wasser oder Tiere auf die Fläche gelangt sein.
Bei einigen seltenen Pflanzen bleibt der Weg bis heute rätselhaft, da keine bekannten Bestände in unmittelbarer Nähe liegen. Die Forschenden halten es für möglich, dass Hirsche Samen in ihrem Fell, an den Hufen oder über andere natürliche Transportwege mitbrachten. Belegt ist dieser Mechanismus für die betreffende Fläche allerdings noch nicht – es handelt sich um eine wissenschaftlich plausible Vermutung.
Gerade darin liegt eine Stärke natürlicher Wiederbesiedlung: Die entstehende Pflanzengemeinschaft wird nicht vollständig von einer im Handel zusammengestellten Saatmischung vorgegeben. Lokal ankommende Pflanzen können besser an regionale Böden, Feuchtigkeit und klimatische Bedingungen angepasst sein. Zudem verringert sich das Risiko, genetisch weit entfernte oder ungeeignete Pflanzenherkünfte einzubringen.
Eine einfache Antwort auf einen dramatischen Verlust Die Entdeckung erhält besonderes Gewicht, weil artenreiche Wiesen in Großbritannien selten geworden sind. Schätzungen zufolge gingen in England und Wales seit den 1930er-Jahren etwa 97 Prozent der ehemals artenreichen Wiesen und naturnahen Tieflandgrasflächen verloren – vor allem durch Umwandlung in Ackerland, Düngung, intensive Nutzung und Bebauung.
Mit ihnen verschwanden Lebensräume für Wildbienen, Schmetterlinge, Käfer, Vögel und kleine Säugetiere. Gut entwickelte Graslandschaften können außerdem Wasser zurückhalten, Böden schützen, Nährstoffeinträge verringern und Landschaften widerstandsfähiger gegen Wetterextreme machen.
Die Erfahrungen aus Norfolk zeigen deshalb einen potenziell günstigen Weg für schwer bewirtschaftbare, stillgelegte oder gezielt für den Naturschutz vorgesehene Flächen. Wo geeignete Pflanzen in der Umgebung vorkommen, der Boden nicht zu stark verändert wurde und eine verlässliche Mahd möglich ist, könnte natürliche Regeneration teure Erdarbeiten oder großflächige Saatgutmischungen teilweise ersetzen.
Kein Patentrezept für jeden Acker So hoffnungsvoll das Ergebnis ist, es stammt aus einer einzigen, zwei Hektar großen Fläche. Die Untersuchung verglich die natürliche Entwicklung nicht experimentell mit benachbarten, eingesäten Feldern. Aus ihr lässt sich deshalb nicht ableiten, dass jeder aufgegebene Acker automatisch zu einer wertvollen Blumenwiese wird.
Bodenfruchtbarkeit, Wasserhaushalt, frühere Nutzung, vorhandene Samenreserven und die Entfernung zu artenreichen Lebensräumen können den Erfolg stark beeinflussen. Fehlen geeignete Pflanzenquellen, können regional gewonnenes Saatgut, samenreiches Heu von einer Spenderwiese oder gezielte Pflanzungen weiterhin sinnvoll sein. Naturschutzorganisationen empfehlen deshalb, die Methode stets an Standort und gewünschtes Entwicklungsziel anzupassen.
Auch eine neu entstandene Wiese macht den Verlust alter Wiesen nicht ungeschehen. Historische Graslandschaften besitzen über Jahrzehnte oder Jahrhunderte entwickelte Böden, Pilzgemeinschaften und genetisch eigenständige Pflanzenbestände. Sie lassen sich nicht kurzfristig ersetzen und müssen vorrangig geschützt werden.
Die entscheidende Botschaft aus Norfolk lautet daher nicht, dass Menschen beim Naturschutz gar nichts tun sollten. Sie lautet: Wir müssen nicht immer alles neu konstruieren. Manchmal genügt es, schädliche Nutzung zu beenden, eine Fläche behutsam zu pflegen – und der Natur genügend Zeit zu lassen.