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122 Jahre Arbeit: Wie das Wörterbuch der Brüder Grimm doch noch fertig wurde
1838 begannen Jacob und Wilhelm Grimm ein Wörterbuch der deutschen Sprache, geplant waren sechs Bände. Fertig wurde es 1960 nach 122 Jahren mit 32 Bänden, weitergeführt über Kriege und die deutsche Teilung hinweg. Heute lässt es sich kostenlos online durchsuchen.
Von Andre ·
Manche Projekte dauern länger als geplant. Und dann gibt es das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Begonnen 1838, als die beiden Brüder gerade ihre Stellen als Professoren verloren hatten, wurde es erst 1960 abgeschlossen. Dazwischen lagen 122 Jahre, zwei Weltkriege, die deutsche Teilung und mehrere Generationen von Sprachforschern, die das Werk der Grimms Buchstabe für Buchstabe zu Ende brachten. Heute kannst du es mit ein paar Klicks kostenlos aufschlagen.
Ein Auftrag aus der Not Die Geschichte beginnt mit einem Rauswurf. 1837 protestierten Jacob und Wilhelm Grimm gemeinsam mit anderen Göttinger Professoren dagegen, dass im Königreich Hannover die Verfassung aufgehoben wurde. Beide wurden entlassen. Ein Verleger bot den beiden daraufhin an, ein Wörterbuch zu schreiben. Am 29. August 1838 kündigte Jacob Grimm das Vorhaben in der Leipziger Allgemeinen Zeitung an: ein Wörterbuch mit geschichtlichem Blick, ausgelegt auf sechs Bände.
Neu war die Methode. Die Grimms wollten sich nicht auf andere Wörterbücher oder Fachliteratur verlassen, sondern an echten Textstellen zeigen, wann ein Wort auftaucht und wie sich seine Bedeutung verändert. Dafür brauchten sie Material in riesiger Menge. Nach Angaben der Göttinger Arbeitsstelle des Wörterbuchs werteten 88 sogenannte Exzerptoren in ganz Deutschland 1.270 Bände aus und lieferten mehr als 600.000 Belegzettel.
Bis zum Wort „Frucht“ 1852 erschien die erste Lieferung, 1854 lag der erste Band vollständig vor. Doch die Brüder erlebten nur den Anfang ihres Werks. Wilhelm Grimm starb 1859, Jacob Grimm 1863 – mitten im Buchstaben F. Sein letzter begonnener Artikel war das Wort „Frucht“. Sein Nachfolger Karl Weigand setzte genau dort an und vermerkte in einer Fußnote, mit diesem Wort habe Jacob Grimm „seine feder von dem werke leider für immer niederlegen“ sollen.
Aus dem Familienprojekt wurde ein Staffellauf. Rudolf Hildebrand, Moriz Heyne, Matthias von Lexer und viele andere führten das Wörterbuch weiter. Leicht war das nicht: Die Bearbeiter arbeiteten meist nebenamtlich, und viele Artikel wurden immer ausführlicher. Um 1900 war nach Darstellung der Göttinger Arbeitsstelle erst etwa die Hälfte des Wortschatzes bearbeitet. 1908 übernahm die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin die Leitung, 1930 entstand dort eine Arbeitsstelle mit zunehmend festen Mitarbeitenden.
Über die Grenze hinweg Dann kam der Krieg. Gegen Kriegsende wurden die Archivbestände in ein Kalibergwerk bei Bernburg an der Saale ausgelagert. Ab 1946 trugen die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und die Akademie in Berlin – später die Akademie der Wissenschaften der DDR – das Wörterbuch gemeinsam. Wegen der unsicheren Lage in Berlin richtete die Göttinger Akademie 1947 zusätzlich eine eigene Arbeitsstelle ein. Die Grenze, die bald zwischen beiden Standorten verlief, hielt das Projekt nicht auf. 1960 wurde die letzte Lieferung gedruckt, sie trägt die Wortstrecke „widrig“ bis „Wiking“.
Das Ergebnis: 32 Bände mit knapp 68.000 Druckspalten und rund 330.000 Stichwörtern, laut dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache das umfangreichste jemals gedruckte Wörterbuch des Deutschen. 1971 folgte noch ein Verzeichnis der rund 25.000 ausgewerteten Quellen.
Die Grimm-Teile bekommen ein Update Einen Haken gab es. Als die letzten Bände erschienen, waren die ersten über hundert Jahre alt. Die Blindschleiche etwa beschrieben die Grimms noch als „blinde, giftige Schlange“, wie das Trier Center for Digital Humanities als Beispiel anführt. Schon 1957 wurde deshalb beschlossen, die am stärksten veralteten Buchstaben A bis F neu zu bearbeiten.
Auch diese Neubearbeitung wurde ein gesamtdeutsches Vorhaben: Berlin übernahm A bis C, Göttingen D bis F. 1965 erschien die erste Lieferung. Ganz ohne Holpern lief auch dieser Teil nicht, mehrfach verschob sich der geplante Abschluss. Die Berliner Arbeitsstelle beendete ihre Arbeit 2013, die Göttinger 2016, die letzte Lieferung erschien 2018. Herausgekommen sind neun Bände mit rund 60.000 Stichwörtern. Ehrlich gesagt: Die Buchstaben G bis Z wurden nicht neu bearbeitet, dort gilt weiter die Erstausgabe.
Vom 30-Kilo-Regal in den Browser Die vielleicht schönste Wendung kam mit dem Internet. Zwischen 1998 und 2003 digitalisierte ein Team an der Universität Trier mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft die komplette Erstausgabe, nach Angaben des Trier Center for Digital Humanities rund 30 Kilogramm Buch. Seitdem ist der „Grimm“ kostenlos im Trierer Wörterbuchnetz abrufbar. Auch die Neubearbeitung A bis F lässt sich digital durchsuchen, unter anderem im Wörterbuchnetz und im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache der Berlin-Brandenburgischen Akademie.
Wer also wissen will, seit wann ein Wort belegt ist oder was es früher bedeutete, muss dafür nicht mehr in eine Bibliothek. Das Werk, an dem mehrere Generationen gearbeitet haben, passt heute in jeden Browser.
Und die Arbeit geht weiter: Seit dem 1. Januar 2019 gibt es das Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache (ZDL), gegründet von vier Akademien in Berlin, Göttingen, Leipzig und Mainz und gefördert vom Bundesforschungsministerium. Es soll den deutschen Wortschatz und seinen Wandel kostenlos im Netz beschreiben. In Göttingen erzählt das Teilprojekt „Wortgeschichte digital“ die Geschichte zentraler Wörter von etwa 1600 bis heute. Die Idee der Grimms, Sprache an echten Belegen zu erklären, lebt also weiter.
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