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120 Jahre nach Alzheimers Vortrag: Das Demenzrisiko je Jahrgang sinkt
Am 3. November 1906 stellte Alois Alzheimer in Tübingen die Krankheit vor, die heute seinen Namen trägt – niemand im Saal stellte eine Frage. 120 Jahre später zeigen Langzeitstudien: Das Risiko, in einem bestimmten Alter zu erkranken, sinkt. Die Zahl der Betroffenen steigt dennoch.
Von Ulrike ·
Ein Samstag in Tübingen, der 3. November 1906. In der Psychiatrischen Klinik der Universität tagt die 37. Versammlung südwestdeutscher Irrenärzte. Ein Arzt aus München tritt ans Pult und berichtet über einen eigenartigen, schweren Krankheitsprozess der Hirnrinde. Er heißt Alois Alzheimer.
Die Reaktion: Stille. Laut dem Fachportal Alzforum saßen 88 Kollegen im Hörsaal, gefragt hat keiner. Die Lokalzeitung „Tübinger Chronik“ widmete dem Vortrag einen einzigen Satz. In ihrem Tagungsbericht bekamen Themen wie Hypnose und die Debatte um Freuds Psychoanalyse deutlich mehr Raum.
Heute, genau 120 Jahre später, kennt fast jeder den Namen. Und es gibt eine Nachricht, die im Schatten der großen Zahlen oft untergeht: Das Risiko, in einem bestimmten Alter an Demenz zu erkranken, ist in den vergangenen Jahrzehnten gesunken.
Eine Patientin, die sich selbst verlor Am Anfang stand eine Frau aus Frankfurt am Main. Auguste Deter kam 1901 mit 51 Jahren in die dortige Anstalt für Irre und Epileptische, wo Alzheimer sie untersuchte. Alzheimer verfolgte genau, wie sich ihre ungewöhnliche Krankheit entwickelte. In einem klaren Moment sagte sie: „Ich habe mich sozusagen selbst verloren.“
Auguste Deter starb im April 1906. Ihr Gehirn wurde in einer Holzkiste per Bahn nach München geschickt, wo Alzheimer inzwischen arbeitete. Unter dem Mikroskop fand er auffällige Ablagerungen und verklumpte Fasern im Gewebe. Bilder dieser Plaques und Fibrillen zeigte er in Tübingen.
Den Namen „Alzheimersche Krankheit“ prägte erst sein Chef Emil Kraepelin: 1910 nahm er die Bezeichnung in sein Lehrbuch auf.
Was Langzeitstudien zeigen Mehr als hundert Jahre später haben Forschende genau hingeschaut, wie oft Demenz neu auftritt. Das internationale Alzheimer Cohorts Consortium wertete sieben große Bevölkerungsstudien aus Europa und den USA aus. Insgesamt 49.202 Menschen über 65 Jahre wurden begleitet, der Zeitraum reichte von 1988 bis 2015. Das Ergebnis, 2020 in der Fachzeitschrift „Neurology“ erschienen: Die Rate der Neuerkrankungen sank um 13 Prozent pro Jahrzehnt.
Bei Männern fiel der Rückgang mit 24 Prozent pro Jahrzehnt deutlicher aus, bei Frauen mit 8 Prozent schwächer. Laut den Autorinnen und Autoren zeigte sich der Rückgang über rund 25 Jahre hinweg in allen untersuchten Studien.
Auch in Deutschland messbar Für Deutschland gibt es inzwischen ebenfalls Hinweise. Forschende der Universität Rostock werteten zusammen mit dem Wissenschaftlichen Institut der AOK die anonymisierten Daten von 250.000 Versicherten über zehn Jahre aus. Ihr Befund von 2020: Über den gesamten Lebenslauf sinkt die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken. Der Statistiker Rafael Weißbach zeigte sich selbst überrascht und sagte: „Aber Zahlen sind unbestechlich.“
Eine neuere Studie bestätigt die Richtung. Die Demografin Gabriele Doblhammer, die auch am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) forscht, verglich mit Kolleginnen und Kollegen in einer 2025 veröffentlichten Arbeit zwei Gruppen von Versicherten ab 65 Jahren, jeweils mehr als 100.000 Menschen. Zwischen 2006/2008 und 2016/2018 sank die Rate der Neuerkrankungen bei Männern um 7,3 Prozent, bei Frauen um 9,7 Prozent.
Die ehrliche Kehrseite Weniger Risiko je Jahrgang heißt nicht weniger Betroffene. Weil immer mehr Menschen ein hohes Alter erreichen, steigt die Gesamtzahl. Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft lebten Ende 2025 in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Allein im Jahr 2023 erkrankten schätzungsweise rund 357.000 Menschen ab 65 neu. Für 2050 schätzt die Gesellschaft je nach Bevölkerungsentwicklung 2,3 bis 2,6 Millionen Erkrankte in dieser Altersgruppe.
Auch die Doblhammer-Studie mahnt zur Nüchternheit: Der Rückgang der Neuerkrankungen hat die Krankheitslast insgesamt nicht verringert. Und ob der Trend anhält, ist offen. Das betonte Doblhammer schon 2020.
Warum das trotzdem Mut macht Die gute Nachricht steckt im Kleingedruckten: Demenz ist offenbar kein starres Schicksal des Alters. Wenn das Risiko für spätere Jahrgänge sinken kann, spricht viel dafür, dass es sich beeinflussen lässt.
Woran genau das liegt, ist noch nicht geklärt. Die Autoren der Kohortenstudie fordern ausdrücklich weitere Forschung zu den Ursachen. Einen Hinweis gibt die Lancet-Kommission zur Demenz, die 2024 vierzehn beeinflussbare Risikofaktoren benannte. Dazu gehören geringe Bildung, Schwerhörigkeit, Bluthochdruck, Rauchen, Übergewicht, Depression, Bewegungsmangel, Diabetes, viel Alkohol, Kopfverletzungen, Luftverschmutzung, soziale Isolation, hohes LDL-Cholesterin in der Lebensmitte und unbehandelte Sehschwäche im Alter.
Nach Modellrechnungen der Kommission ließen sich bis zu 45 Prozent der künftigen Demenzfälle möglicherweise verhindern, wenn alle diese Faktoren wegfielen. Das ist eine Schätzung, kein Versprechen. Aber sie zeigt, wo jeder Einzelne und die Gesellschaft ansetzen können: beim Blutdruck, beim Hören, bei Bewegung und bei Begegnungen mit anderen Menschen.
Alois Alzheimer bekam 1906 keine einzige Frage. Heute stellt die Forschung jeden Tag neue. Und manche der Antworten sind ermutigend.
Themen: Demenzrisiko, Alzheimer, Demenzprävention, Risikofaktoren, Gesundheitsforschung, Gutes Altern
120 Jahre nach Alzheimers Vortrag: Das Demenzrisiko je Jahrgang sinkt