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120 Jahre Berliner Funkvertrag: Wie SOS zum Notruf der Welt wurde
Am 3. November 1906 unterzeichneten Staaten in Berlin den ersten internationalen Funkvertrag. Er machte SOS zum gemeinsamen Notsignal auf See und verpflichtete Funkstellen an Land und an Bord, unabhängig von ihrer Technik miteinander zu funken. Aus seinem Anhang wurden die Funkregeln, die bis heute weltweit gelten.
Von Andre ·
Drei kurze, drei lange, drei kurze Töne: Dieses Morsezeichen hat sich ins Gedächtnis der Welt eingeschrieben. Dass es überall dasselbe bedeutet, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines Monats Verhandlungen in Berlin. Heute vor 120 Jahren, am 3. November 1906, unterzeichneten die Delegationen dort den ersten internationalen Funkvertrag.
Der Vertrag regelte mehr als nur ein Notsignal. Er legte den Grundstein für eine gemeinsame Ordnung im Funk, die bis heute fortgeschrieben wird. Eine Geschichte darüber, wie Zusammenarbeit über Grenzen hinweg Leben retten kann.
Funk ohne Regeln Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die drahtlose Telegrafie noch jung. Wer welche Funkstation erreichen durfte, war nicht geklärt. Die Marconi-Gesellschaft, die bereits ein weit verzweigtes Netz von Küstenstationen betrieb, wollte außer in Notfällen nicht mit Stationen anderer Betreiber kommunizieren. Andere Länder fürchteten ein Monopol.
Deutschland ergriff die Initiative. Schon 1903 lud es zu einer Vorkonferenz nach Berlin, die internationale Regeln für den Funkverkehr ausloten sollte. Die eigentliche Konferenz begann am 3. Oktober 1906, wieder in Berlin. Am Ende unterzeichneten Vertreter von 27 Staaten, darunter Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die USA und Japan.
Ein Zeichen, das alle kennen Eines der Ergebnisse steht in Artikel XVI der Dienstordnung zum Vertrag. Schiffe in Not sollen demnach die Folge aus drei Punkten, drei Strichen und drei Punkten senden, in kurzen Abständen wiederholt. Jede Station, die das Signal empfängt, muss ihren übrigen Funkverkehr einstellen, bis der Notfall erledigt ist.
Die Vorlage kam aus Deutschland: Das Zeichen stand bereits in deutschen Funkvorschriften, die am 1. April 1905 in Kraft getreten waren. In Berlin wurde es zum internationalen Standard.
Übrigens: SOS ist keine Abkürzung. Gewählt wurde schlicht eine unverwechselbare Morsefolge. Deutungen wie „Save our Souls“ oder „Save our Ship“ kamen erst später auf, als Merkhilfen.
Antworten ist Pflicht Mindestens ebenso wichtig war ein zweiter Grundsatz: Küstenfunkstellen und Funkstellen an Bord mussten Funktelegramme miteinander austauschen, egal mit welchem Funksystem sie arbeiteten. Noch weiter ging ein Zusatzabkommen, nach dem auch Schiffe untereinander funken mussten. Das war umstritten: Sechs Staaten, darunter Großbritannien und Italien, unterzeichneten es nicht.
Der Vertrag trat am 1. Juli 1908 in Kraft. Die Regeln wurden 1912 auf einer zweiten Funkkonferenz in London überarbeitet und danach immer wieder fortgeschrieben.
Vom Anhang zum Weltregelwerk Aus dem Anhang des Berliner Vertrags mit den ersten Vorschriften für die drahtlose Telegrafie sind die heutigen Funkvorschriften der ITU geworden, die Radio Regulations. Die aktuelle Ausgabe von 2024 gilt seit dem 1. Januar 2025. Nach ITU-Angaben umfasst sie vier Bände mit mehr als 2.000 Seiten, deckt Frequenzen von 8,3 Kilohertz bis 3.000 Gigahertz ab und regelt mehr als 40 verschiedene Funkdienste.
Überarbeitet wird das Regelwerk auf den Weltfunkkonferenzen, zuletzt 2023 in Dubai. Dass sich Mobilfunk, Satelliten, Flugfunk und Schiffsfunk nicht ständig gegenseitig stören, verdanken wir solchen internationalen Absprachen, die 1906 in Berlin ihren Anfang nahmen.
Seenotrettung heute Auf See ist der Gedanke von 1906 lebendig geblieben, auch wenn die Technik eine andere ist. Als Funk-Notsignal in der Schifffahrt wurde das Morse-SOS 1999 abgelöst. Am 1. Februar 1999 war das weltweite Seenot- und Sicherheitsfunksystem GMDSS vollständig eingeführt. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO bemerkt dazu, das sei fast genau 100 Jahre nach dem ersten Funkeinsatz für ein Schiff in Not geschehen.
Das GMDSS nutzt erdgebundenen Funk und Satellitenfunk. Schiffe in Not können damit Rettungsleitstellen an Land und Schiffe in der Nähe alarmieren. Die Grundidee ist dieselbe wie 1906: Ein Notruf soll überall verstanden werden, und wer ihn hört, hilft. Nach Angaben von ITU-Funkdirektor Mario Maniewicz betrifft fast ein Viertel der Artikel in den Radio Regulations den Funk auf See.
Und in Deutschland? An Nord- und Ostsee hören die Seenotretter der DGzRS rund um die Uhr mit. Ihre Seenotleitung in Bremen überwacht über „Bremen Rescue Radio“ die internationalen Notfrequenzen, darunter UKW-Kanal 16. Rund 2.000 Mal im Jahr werden die Seenotretter alarmiert, mit etwa 60 Rettungseinheiten auf 53 Stationen zwischen Borkum und Usedom. Finanziert wird die Arbeit ausschließlich durch freiwillige Zuwendungen.
Ein Signal, das 1906 in Berlin zur gemeinsamen Sprache wurde, hat sich so zu einem weltweiten System weiterentwickelt. Es zeigt, was entsteht, wenn Staaten sich auf Regeln einigen, die allen nutzen.
Themen: Berliner Funkvertrag, SOS Notruf, Seenotrettung, Funkregeln, Internationale Zusammenarbeit, GMDSS, Geschichte
120 Jahre Berliner Funkvertrag: Wie SOS zum Notruf der Welt wurde